Posts mit dem Label Raymond Queneau werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Raymond Queneau werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 27. September 2026

Ilse Kilic: Das Schlaue vom Himmel (2023)

Der diesjährige Hugo-Ball-Preis geht an die österreichische Schriftstellerin Ilse Kilic. Das Lesefrüchtchen muss gestehen, dass es ihm nicht anders als bei den meisten Literaturnobelpreisverkündigungen geht und es zuvor noch nie etwas von dieser Autorin gehört hat. Das spricht für mutige Juryentscheide, die durch ihre unerwartete Preisvergaben die Aufmerksamkeit auf Literaturen richten, die man ansonsten übersieht. Im Falle von Ilse Kilic hat es sich jedenfalls gelohnt. Die 1958 in Wien geborene Autorin blickt mittlerweile auf ein beachtliches, im weitesten Sinn experimentelles Oeuvre zurück, das neben literarischen Werken auch Filme, Theaterarbeiten und Hörspiele umfasst. Zusammen mit ihrem Lebenspartner Fritz Widhalm schreibt sie seit 1999 ausserdem an einem "Verwicklungsroman", einer Fortsetzungsgeschichte, die bislang 13 Folgen umfasst.

Ilic steht zweifellos in einer Avantgarde-Tradition, wenn diese an sich widersprüchliche Bezeichnung erlaubt ist. Dadaistischer Nonsens findet sich bei ihr ebenso wie oulipistische Experimente wie bspw. die Lipogramme Oskars Moral (1996) und Monikas Chaosprotokoll (2003), zwei je ungefähr 100seitigen Texte, die gänzlich ohne die Vokale e und u auskommen. Kilic ist jedoch nicht nur als Verfasserin, sondern auch als Förderin experimenteller Literatur tätig. Ebenfalls gemeinsam mit Fritz Widhalm gründete sie 1986 die Edition Das fröhliche Wohnzimmer. Auf der Webseite heisst es: "listig programmatisch chaotisch geordnet experimente/basteleien/formen/strukturen". Ausserdem gibt sie die Zeitschrift Wohnzimmer heraus, die dezidiert gegen den Mainstream ausgerichtet ist und den Self-Publishing-Gedanken der Dadaisten mit ihren DIY-Zeitschriften beerbt. Die Würdigung durch den Hugo-Ball-Preis ist also mehr als nur verdient und scheint auch gerechtfertigt.

Doch wo soll man mit der Lektüre einsteigen? Das Lesefrüchten entschied sich zunächst für Das sich selbst lesende Buch (2016), das sich dann aber, wie im Titel angekündigt, selbst las, und das Lesefrüchtchen deshalb nach einem anderen Buch Ausschau halten musste und dabei auf eine aktuelle Publikation mit der witzig verfremdeten Redewendung Das Schlaue vom Himmel stiess. Der Untertitel lautet: "Eine Versuchsanordnung", womit bereits auf den experimentellen Charakter verwiesen wird. Das gilt sowohl auf formaler als auch auf inhaltlicher Ebene: Im Zentrum (falls man bei diesem Textkonglomerat überhaupt von einem Zentrum sprechen kann) steht der Versuch von Mimi La Whipp und Mein Spatz, nach der Weltformel zu forschen, um eine "Maschine zur Verbesserung der Welt" zu entwerfen. Doch als sie sich zur Begrüssung die Hände reichen, geschieht das Unerwartete: sie bleiben aneinander kleben, was im Text einen mehrseitigen, pseudo-wissenschaftlichen Exkurs über Klebsiella- und Klebseria-Bakterien sowie über die Möglichkeiten eines horizontalen Gentransfers auslöst.

Hier zeigt sich der formal experimentelle Ansatz des Romans, bei dem die Handlung lediglich der "literarischen Beraterin Suzie Traktor" zuliebe aufgepfropft ist, die sich relativ am Anfang des Textes dafür einsetzt, dass sich der Plot gut entwickelt, was natürlich nur bedingt der Fall ist. Stattdessen reflektiert der alternierend in Kapitel und Intermezzi unterteilte Text sich und seine Machart permanent selbst und bedient bzw. überbietet dabei alle möglichen Formen des Metaromans. So beginnt das Buch gleich mit zwei Vorworten, in denen die Autorin das Schreiben des Buches selbst zum Thema macht und auch zugibt, dass sie selbst keine Ahnung hat, wohin die Reise führt. Der erste Satz lautet: "Als ich mit diesem Text begann, wusste ich noch nicht viel darüber, was aus ihm werden sollte." (7) Sie schreibt quasi ins Blaue oder mehr noch ins "Schlaue" hinaus. Tatsächlich haben wir es mit einer äusserst belesenen Autorin zu tun, die sich bis in die Popkultur und entlegensten Spartenpublikationen gut auskennt. 

Das belegen nicht nur zahlreiche Fussnoten, sondern auch das Namensregister am Schluss des Textes, das den ausgesuchten Kulturhorizont der Autorin demonstriert, handelt es sich doch um einen äusserst bemerkenswerten Kanon, der Personen wie Kathy Acker, Etel Adnan, Carla Bozulich, Italo Calvino, Marianne Fritz, Urusla Le Guin, Donna Haraway, Wilhelm Hauff, Hugh und sein Sohn Oliver Everett, Wjatscheslaw Iwanow, Alexander Kluge, Kropotkin, Lautréamont, Christian Morgenstern, Toni Morrison, Robert Musil, Flann O'Brien, Iggy Pop, Raymond Queneau und Raymond Roussel, The Residents, Patti Smith, Liv Strömquist, Kurt Vonnegut, Oswald Wiener u.v.m. umfasst (darunter viele Kolleg:innen, die sie in ihrer Edition verlegt). Die Vorliebe der Avantgarde für solches Namedropping ist bekannt. Und bei einer Autorin, die im "Intermezzo 1" (20) ausführlich über die Magie von Listen reflektiert - auch da geht es nicht ohne Zitierung: "Listen wirken wie Zaubersprüche" (Wayne Koestenbaum) -, ist ein solches Register am Ende eine dezidierte Setzung.

Natürlich handelt es sich auch um ein ironisches Spiel mit wissenschaftlichen Versatzstücken, um den Charakter der "Versuchsanordnung" zu unterstreichen. Das klingt nun alles etwas anstrengend, in Tat und Wahrheit kommt es aber frisch und unverkrampft und - trotz der vielen Diskurse und (Pseudo-)Theorien - relativ unverkopft daher: wie das Spiel eines überbegabten Kindes, das sich über alle Regeln souverän hinwegsetzt und einem unbekümmerten anything goes frönt. Das Buch wirkt daher wie ein durch den postmodernen Fleischwolf gedrehter Dadaismus. Neben der fortlaufenden Reflexion über die Möglichkeitsbedingen der Literatur, etwa indem sich das Romanpersonal in den Erzählvorgang einmischt, gibt es Wortspiele wie "Ächzistenz" (82), "Zukunft, Zugluft und Zuflucht" (51) oder, um bei den Listen zu bleiben: "IdeaListen", "ExistenziaListen" und "KapitaListen" (22). Es gibt Anagramme und Palindrome (Unart/Natur, 69; Traum/Armut, 120) und es gibt höheren Blödsinn wie die Figur der Mira, welche die Risse im Handlungsablauf wieder zunähen muss (128).

Auf der Handlungsebene wiederum gibt es den "Bold Hearts Club" mit "unerschöpflichem Biervorrat" (110) oder die "melancholischen Wolken" (eine Art Resignationsaura), die immer dann entstehen, wenn man etwas verliert oder aufgeben muss: "In Melancholischen Wolken verstecken sich Fragmente und Rückstände von Verlusterfahrungen" (96). Nachdem die Autorin in Kapitel 16 aufzählt, was "in diesem Text bisher nicht berücksichtigt" werden konnte und danach dreizehn verschiedene "Schlussvariationen" (133) präsentiert, also darauf hinweist, dass stets unerzählte Reste übrigbleiben, ist es nur konsequent, wenn der Text mit einer melancholischen Wolke schliesst, in der schlicht "usw." steht, was eine Fussnote überflüssiger Weise als "Und so weiter" (143) auflöst. Was nichts anderes besagt als: Das Ende des Buchs markiert nicht das Ende des Textes, der andernorts weitergeschrieben wird.

Ilse Kilic: Das Schlaue vom Himmel. Eine Versuchsanordnung. Klagenfurt, Graz und Wien: Ritter Verlag, 2023.

Donnerstag, 23. Mai 2024

Anne Garréta: Sphinx (1986)

Wäre das kein oulipistisches Werk, dann hätte das Lesefrüchtchen wohl die Finger davon gelassen, dermassen platt, trashig, kitschig, billig und trivial ist die dargebotene Handlung dieser tragischen Liebesgeschichte. Doch wenn man sie nacherzählen möchte, merkt man rasch, worin der Clou des Buchs besteht: Man muss nämlich selbst entscheiden, wer der Mann und wer die Frau in dieser Beziehung ist oder ob es sich um zwei Männer oder zwei Frauen handelt, denn an keiner Stelle wird, weder grammatikalisch noch inhaltlich, eine Aussage über das Geschlecht der beiden Hauptfiguren gemacht: des erzählenden Ichs und A***, die beide eine amour fou durchleben, bis A*** durch einen unheilvollen Sturz von der Bühne eines Dancing Clubs, wo A*** arbeitet, ums Leben kommt. 

Kennengelernt haben sich beide im Pariser Nachtleben. Das erzählende Ich hadert mit seinem Theologie-Studium und bekommt durch einen Zufall den Job als DJ in der Szenediskothek Apocryphe angeboten. Der Vorgänger starb an einer Überdosis Kokain und seine Leiche muss auf spektakuläre Weise weggeschafft werden. Rasch etabliert sich die Erzählfigur zum angesagten DJ. Das Studentenleben bleibt links liegen, die Nacht wird zum Tag. In dieser pulsierenden, teilweise auch anrüchigen Atmosphäre begegnet das erzählende Ich im Tanzclub Eden A*** und ist von Anhieb fasziniert von diesem Körper und dem "seltsamen Geschöpf", dem er angehört. Es entwickelt sich eine Liebesbeziehung, zuerst nur platonisch, dann auch sexuell, mit Höhen und Tiefen, Ekstasen und Eifersüchteleien.

Von A*** weiss man nur, dass es sich um eine schwarzhäutige, ursprünglich aus Harlem stammende Person handelt, die kürzlich ihr Kopfhaar kahl geschoren hat; das erzählende Ich ist zehn Jahre jünger (einmal wird das Alter genannt: 23) und kommt aus der weissen Mittelschicht. Rein äusserlich und auch von ihrer Sozialisation sind sie "ein ungleiches Paar". Während sich das intellektuelle Erzähl-Ich für Kunst und Kultur interessiert, wird A*** als rein körperliches Wesen geschildert, das wenn es nicht auf der Bühne zur Höchstform aufläuft, zuhause auf der Couch fernsieht und rumlungert. Ein Kontrast zu diesem Dandy-Leben in Paris bildet der Besuch bei der Mutter von A*** in Harlem, wo das erzählende Ich sich in der schwarzen Bevölkerung aufgehoben fühlt und zur Mutter eine enge Beziehung knüpft, die sich nach dem Tod von A*** noch verstärkt.

Der tragische Unfall entscheidet sich kurz nach einem Streit in der Garderobe des Eden. Es geht um die Beziehung und die Frage gegenseitiger Erwartungen und (falscher) Vorstellungen. Ohne die Antwort abzuwarten, verlässt A*** die Geraderobe in Richtung Bühne mit der Frage: "Wie siehst du mich eigentlich?" Allein gelassen grübelt das Erzähl-Ich über diese Frage nach, bis sich intuitiv die Antwort einstellt: "Ich sehe dich in einem Spiegel." Doch es gelingt nicht mehr, diese Erkenntnis mitzuteilen. A*** liegt bereits mit gebrochenem Halswirbel am Boden. Der leblose Körper wird in die Garderobe gebracht, wo sich die nicht mehr mitgeteilte Spiegel-Erkenntnis quasi von selbst einstellt: "in der Spiegelung verschmolz A***s Körper fahl mit meinem Gesicht an der Seite."

Hier verschmelzen die beiden Identitäten virtuell, die über den gesamten Roman in offener Schwebe bleiben, was ihre geschlechtliche Identität angeht. Allein aus dem Kontext ist man versucht, eine Zuweisung vorzunehmen. Handelt es sich bei dem jungen, weissen Studierenden der Theologie um einen Mann? Und muss eine Nachtclubtänzerin zwingend weiblich sein oder könnte es sich auch um eine Dragqueen handeln? Wie wahrscheinlich ist es, dass eine Frau kaltblütig eine Leiche verschwinden lässt? Und traut man einem Mann zu, eine derart emphatische Zuneigung zur Mutter seines Freundes oder seiner Freundin zu? Usw. Hier zeigt sich auch, weshalb der Roman teilweise arg klischiert wirkt und mit Stereotypen und Plattitüden arbeitet, die durch die unklare Geschlechterrollen aber aufgeraut und hinterfragt werden sollen.

Insofern ist die Zeile aus dem Song The Sphinx der ehemaligen Muse von Salvador Dalí und 70er-Jahre-Discoqueen Amanda Lear, zu dem A*** einen atemberaubenden katzenartigen Tanz aufführt, programmatisch: "A woman or a priest / it's all a point of view". Der Roman verdankt diesem Song seinen Titel. Entsprechend ist es vom Blickpunkt der Lesenden abhängig, mit welchem Geschlecht sie die Protagonisten versehen. Ein männlicher Leser neigt möglicherweise eher dazu, sich das erzählende Ich als Mann und A*** als eine vom male gaze verklärte Frau zu denken, während es für Antje Rávic Strubel, die das Nachwort zur deutschen Ausgabe verfasst hat, aufgrund des zeithistorischen Settings an der Rive Gauche in Paris zwangsläufig um ein lesbisches Liebespaar handeln muss. Der Roman selbst nimmt keine eindeutige Zuordnung vor, stattdessen setzt er solche kontextuellen Anreize, um die eingenommene Leserperspektive zu bestätigen oder auch wieder zu unterlaufen.

Der Roman verschaffte Anne Garréta als erste Frau die Aufnahme in den Autorenkreis Oulipo (frz. Akronym für Ouvroir de Littérature potentielle), zu dem u.a. Raymond Queneau, Georges Perec, Harry Matthews oder Oskar Pastior gehörten. Ein Ziel der Gruppe besteht darin, literarische Texte nach vorbestimmten Regeln zu verfassen, um durch solche Formzwänge (frz. contraintes) neue poetische Ausdrucksformen zu generieren. Der Zwang, den sich Garréta auferlegte, war nun eben, auf ein sprachliches Genus zu verzichten und die Hauptfiguren mit einem offenen Geschlecht ohne spezifische Geschlechtsmerkmale zu versehen. Es dürfte kein Zufall sein, dass das erzählende Ich ausgerechnet an einer Studie über die Negative Theologie arbeitet. So wie dort vermieden wird, Gott bestimmte Attribute zuzuschreiben, weil er mit menschlichen Kategorien nicht zu fassen sei, so sollen auch hier die Geschlechterrollen nicht von aussen festgeschrieben werden.