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Mittwoch, 12. Juni 2024

Andreas Niedermann: Sauser (1987)

Fred Sauser ist ein cooler Hund und sein Autor Andreas Niedermann wird es wohl auch sein. Eine derart abgeklärte, träfe und schmissige Prosa liest man in der deutschsprachigen Literatur selten, im Schweizer Kontext erst recht nicht. Kein Wunder steht der Protagonist mit der Schweizer Literatur auf Kriegsfuss: "Wenn ich aber in den Büchern der Schweizer Autoren las, tat es mir auch nicht leid, keinen von ihnen zu kennen." Er sieht sich vielmehr als "Schüler von Maxim dem Bitteren, von Céline, von Miller und Cendrars". Verorten könnte man den Autor auch irgendwo zwischen Friedrich Glauser und Jörg Fauser, die zwar namentlich nicht genannt werden, der Titel "Sauser" aber so etwas wie eine verkappte Reverenz darstellt. Hinzu kommt, dass der Roman just im Todesjahr von Fauser erscheinen und unterdessen in einer überarbeiteten Neuauflage wieder greifbar ist.

"Sauser" ist aber auch ein telling name: Er steht für das rastlose, rauschhafte und prekäre Dasein des Protagonisten, der in Ich-Form von seinem "Leben am Rand der Existenz" berichtet. Einen wirklichen Handlungsbogen besitzt der episodenhafte Roman nicht: Er beginnt auf einem Campingplatz in Korsika und endet in einer Waldhäuschen, das Sauser aus Liebesfrust verwüstet zurücklässt. Dazwischen schlägt er sich mit diversen Gelegenheitsjobs als Bühnentechniker in Basel, als Zimmermann in Zürich, als Reporter mit Schreibaufträgen, als Taglöhner und Viehhirte in den Bündner Alpen und natürlich immer wieder spätnachts in Kneipen durch. Stets knapp bei Kasse, sturzbetrunken und einem flotten Spruch auf den Lippen. Selbst sein innigster Wunsch, Schriftsteller zu werden, verfolgt er nur halbherzig und lässt sich allzu rasch vom Lotterleben wieder einnehmen. Am Schluss gelingt es ihm dann doch, seine erste Kurzgeschichte in einer Zeitschrift unterzubringen. Der Roman schildert somit die Geburt des Autors aus der Gosse.

Die Sprache besticht oft mit originellen Formulierungen, einer zuweilen vulgären Direktheit und trockenem Humor, oft gibt sie sich auch betont lässig, was aber nie aufgesetzt wirkt. Dazu trägt der unbestechlich sarkastische Blick bei, mit dem Sauser Personen und Ereignisse schildert und mit nur wenigen Worten lakonisch decouvriert. Ein Beispiel: "An seiner Türe hing ein Spruch von Robert Walser: 'Ich bin überzeugt, dass wir viel zu wenig langsam sind.' So was gefiel ihm. Und es war bezeichnend für ihn, dass er sich im Angesicht dieser Worte, über die Langsamkeit seiner Sekretärin beschwerte." Schon ist der Typ verbal erledigt. Obwohl es Sauser meistens mies geht und er immer wieder in irgendwelchen Absteigen abwrackt, ist er nie aufs Maul gefallen. In der sprachlichen Selbstermächtigung, sogar über die schlimmsten Zustände hinweg, erweist er sich als wahrhaft souverän.

Niedermann entwirft mit "Sauser" eine Art Anti-Odyssee. Während Homers Held unfreiwillig umherirrt und eigentlich nur "nach Hause, zu Frau und Sohn" will, geht es Sauser diametral anders: "Ich nahm einfach das, was gerade vor meine Füsse gespült wurde". Er treibt sich wahllos herum, geht dort einen Deal und dort wieder eine Liebschaft ein, doch nichts ist von Dauer. Oft bleiben ihm dabei nur "zwei Möglichkeiten: Gosse oder Galeere", wie Sauser die Lohnarbeit nennt, wenn er wieder mal, um eine andere seiner Redewendung anzuführen, "den Weg ins Geschirr" nehmen muss. Der 'Beruf' des Schriftsteller kommt ihm daher sehr gelegen, zumindest nach seiner eigenwilligen Auffassung davon: "Aus irgendeinem Grund hatte sich in meinen Gehirn der Gedanke festgesetzt, dass man mit Geld in der Tasche kein Schriftsteller werden konnte. Also musste ich nichts weiter tun, als alles verschwenden. Der Rest würde sich ergeben." Insofern ist es nur konsequent, wenn Sauser die eigene Gammelei literarisch verarbeitet. 

Freitag, 31. Mai 2024

Apollinaire: Der gemordete Dichter (1916)

Apollinaire, der Urvater künstlerischer Avantgarden, war ein Tausendsassa. In seinem kurzen Leben war er nicht nur ungeheuer produktiv, sondern vor allem innovativ, indem er auf ganz unterschiedlichen Gebieten wesentliche Impulse setzte, ganz abgesehen davon, dass überhaupt er es war, der den Begriff der Avantgarde aus dem Militärjargon auf die Künste übertrug und damit eine Epochenbezeichnung schuf. Er war mit Picasso befreundet und würdigte als erster den Kubismus, er kreierte mit seinem "Calligrammen" eine neue Ausdrucksform der visuellen Poesie, er beerbte die Tradition der Bestiarien unter modernen Vorzeichen, er schuf mit Les mamelles des Tirésias das erste surrealistische Drama, sein Gedichtband Alcools war bahnbrechend, daneben verfasste er zwei pornographische Grotesken und diverse Erzählungen.

Im Jahr 1916, als in Zürich der Dadaismus ausgerufen wurde, erschien der Erzählband Der gemordete Dichter, der unverkennbar dadaistische Züge trägt. Apollinaire stand bereits früh in Kontakt mit der neuen Bewegung. In der ersten Zürcher Publikation, dem von Hugo Ball redigierten Magazin Cabaret Voltaire, war er mit dem Gedicht Arbre vertreten wie auch sein Freund Pablo Picasso mit einer kubistischen Zeichnung und der ebenfalls mit ihm befreundete Blaise Cendrars mit dem Gedicht Crépitements. Die Erzählung Der gemordete Dichter nimmt den dadaistischen Nonsens in wesentlichen Momenten vorweg. Sie beschreibt die Lebensgeschichte des Dichters Croniamantal von der Wiege bis zu seiner - bereits im Titel angekündigten - Ermordung.

Die Erzählung ist Schriftsteller-Karikatur, Satire auf den Literaturbetrieb und biographischer Schlüsseltext in einem. Hinter der Entwicklung und den Begegnungen Croniamantals sind arg verfremdet, für Eingeweihte jedoch erkennbar, Apollinaires eigene Stationen und Bekanntschaften untergebracht. So soll Picasso als Vorbild für den Maler namens "Vogel der Langmütigen" gedient haben, auch wenn diese Anspielung nicht restlos zu entschlüsseln ist. Und in Croniamantals unglücklicher Liebschaft zur Tänzerin Tristouse Ballerinette spiegelt sich Apollinaires Beziehung zur Malerin Marcie Laurencin. Doch versteht sich von selbst, dass die bizarre Erzählung nicht 1:1 auf die Lebensgeschichte ihres Autors niederzubrechen ist.

Von Ferne klingt im eigentümlichen Namen 'Croniamantal' auch der Dichter Lautréamont an, wie sich Isidore Lucien Ducasse nannte, den die Surrealisten, insbesondere aufgrund seiner Chants de Maldoror, als wichtigen Vorläufer verehrten. Wenn es zu Beginn der Erzählung heisst, Croniamantal werde bei den Arabern rückwärts 'Latnamainorc' genannt, so ist die lautliche Namensnähe zu Lautréamont noch offensichtlicher. Doch auch in diesem Fall handelt es sich nur um eine von vielen Anspielungen, dieser an irrwitzigen Einfällen nicht armen Kurzromans. In der Rasanz, wie der die abenteuerliche Lebensgeschichte ausbreitet, erinnert er an Melchior Vischers Dada-Roman Sekunde durchs Hirn, der sich möglicherweise bei Apollinaire inspiriert hat. Nicht zuletzt zeichnet sich Vischers Protagonist wie Croniamantal durch eine grosse Potenz, zumindest ein grosses Gemächt aus (partes viriles exiguitatis).

Alle Episoden aus Croniamantals Leben hier nachzuerzählen, ergibt wenig Sinn. Hingegen darf das groteske Finale, das dem Roman nicht zuletzt den Titel verleiht, nicht ausser Acht gelesen werden. Apollinaire entwirft dort eine Satire auf den Literaturbetrieb, die heute wohl noch aktueller, als sie damals schon war. Pausenlos werden Literaturpreise verliehen und Dichter ausgezeichnet, was schliesslich darin gipfelt, dass an einem Tag 8019 Preise vergeben werden, die sich insgesamt auf eine Summe von über 50 Millionen Francs belaufen. Dieser Literatursubventionismus ist dem Agrarchemiker Horace Tograth ein Dorn im Auge, weshalb er öffentlich dazu aufruft, gegen diese "poetische Plage" vorzugehen, welche der werktätigen Bevölkerung das Geld aus der Tasche zieht, um es der "überprivilegierten Rasse der Dichter" zuzuschanzen, die lieber die hohle Hand machen als selber zu arbeiten.

Wie ein Strohfeuer verbreitete sich dieses Pamphlet gegen die Dichter und es kommt in verschiedenen Ländern zu öffentlichen Pogromen. Überall werden die Autoren verfolgt, verprügelt und hingerichtet. Was Roland Barthes 1968 unter dem Titel La mort de l'auteur theoretisch reflektieren wird, ist bei Apollinaire nichts anderes als eine beim Wort genommene blutige Wahrheit: "Tod dem Dichter" schreit die fanatische Menge und die Drohung richtet sich zuletzt auch gegen Croniamantal, der sich vor dem Volk noch stolz als "der grösste der lebenden Dichter" präsentiert. Dieser Hochmut wird ihm zum Verhängnis, denn die Meute beweist ihm das Gegenteil, indem sie ihn auf offener Strasse massakriert. Aus dem grössten lebenden Dichter wird - und das ist die finale Pointe - ein unsterblicher Dichter. Erst nach seinem Tod ist auch die Tänzerin Tristouse, die seine Liebe verschmähte und sich sogar an seiner Ermordung beteiligte, sein Genie anzuerkennen.

Mittwoch, 1. November 2023

Blaise Cendrars: L'Eubage. Aux Antipodes de l'Unité (1917)

Nachdem das Lesefrüchtchen mit Terra! kürzlich eine Space Opera par excellence gelesen hat, folgt hier erneut ein Weltraum-Abenteuer, das jenes um einiges überbietet, obschon es wesentlich kürzer ist. L'Eubage (auf deutsch: Im Hinterland des Himmels, 1987) ist ein ultraknappes Buch, manche Kapitel sind lediglich eine Seite lang, man hat es in Windeseile gelesen, ja man muss es fast in einem Zug lesen, weil es einen solchen Sog erzeugt. Denn trotz des geringen Umfanges ist es unendlich reich, lebt von seiner urwüchsigen, visionären Kraft und seiner zugleich präzisen wie pulsierenden Beschreibungskunst.

Man begleitet den "Wissenschaftler" (oder etwa "Hochstapler?") Eubage - so nannten die Gallier früher ihre Astronomen - auf seiner rasanten Reise ins All. In Sekundenschnelle wird man in kosmische Sphären katapultiert, durchläuft Äonen und Lichtjahre, taucht in die unbekannten Tiefen des Alls ein mit seinen Planeten, Gestirnen und gigantischen Urwesen, bis die fulminante Fahrt jäh endet und - ehe man es sich's versieht - zu reinster Sonnenmaterie zerstäubt sich mit dem Elementaren verbindet. Der letzte Satz, bevor das Raumschiff wieder in die Atmosphäre eindringt, ist so atemlos und orgiastisch wie der gesamte Text: "Fragezeichen? Zickzacklinie! Explosion."

Ein Buch wie ein Urknall: äusserst verdichtet, doch breitet sich darin ein ganzer Kosmos aus. Tatsächlich wohnen wir in den beiden längsten und wohl auch zentralsten Kapiteln der Geburt der Sternzeichen und der Sterne (in Form von Getreidenamen!) bei. Die faktische Reise dauert zwar nur ein Jahr - die einzelnen Kapitel sind eingeteilt von März bis Februar -, durchmessen wird dabei ein ganzes Weltalter. Der Ich-Erzähler, der den Tractatus Secundus von Robert Fludd stets mit sich führt, ist dabei eine Mischung zwischen Genie und Hasardeur. Mitunter kann er das Gelingen seines tollkühnen Unternehmens selbst nicht richtig fassen, dann wiederum stürzt er sich mit Wonne ins All.

Die interstellare Reise ist (wie in Terra! und so vielen anderen SF-Geschichten) auch hier eine Reise in die Vergangenheit: "Die Uhr - die Uhr läuft unerbittlich rückwärts. 1000 Jahre, 10'000 Jahre, 100'00 Jahre." Mehr noch ist es eine Reise ins Innere der Hirnrinde. An einer Stelle sagt der Ich-Erzähler: "Ich bin nur noch Geistesschärfe!" Insofern gibt sich die Erzählung auch unumwunden als reine Phantasmagorie zu erkennen - als eine Art eine Schöpfungsgeschichte, die sich quasi selbst hervorbringt. Oder wie es der Autor in einem Brief an seinen Förderer, den Modeschöpfer Jacques Doucet, erwähnt: "das Hinterland des Himmels sozusagen, wo die Gewalten und Formen entspringen, was man Geist und Leben nennt".

Blaise Cendrars schrieb diese Weltraum-Rhapsodie, die er selber ein "kleines Büchlein über gar nichts" nannte, 1917 in einer Scheune ausserhalb von Paris, als er als Kriegsfreiwilliger von der französischen Front heimkehrte - auf dem Feld hatte er seinen rechten Arm verloren. Es handelt sich um seinen ersten Prosatext, der bereits die ersten Akzente für seine späteren Romane setzt: die Durchdringung des Textes mit purer Lebenskraft, die Sprachgewalt und die schier enzyklopädische Fülle. Die deutsche Ausgabe enthält im Anhang eigens ein Glossar zur Erklärung der biologischen und astronomischen Fachbegriffe. Reinste "Hirnsaat".




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