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Dienstag, 6. Januar 2026

Navid Kermani: Dein Name (2011)

Okay. 1200 Seiten, so klein und dicht gesetzt, dass sich der Umfang in einem leserfreundlicheren Format verdoppeln würde. Seit fünfzehn Jahren steht das Buch somit als grosses Versprechen im Regal des Lesefrüchtchens, das eine besondere Vorliebe für dicke Wälzer hegt. Ausserdem war damals in einer Rezension auch von Jean Paul die Rede, was das Interesse zusätzlich anstachelte. Aber manche Bücher sollte man besser ungelesen lassen, um sich nicht die Freude daran zu verderben. Die Vorstellungen und die Hoffnungen, die sich an sie binden, wachsen im Laufe der Zeit, und können dann, gerade wenn die Lektüre sich lange hinauszögert, kaum mehr erfüllt werden. So auch in diesem Fall. Das Lesefrüchtchen erwartete ein intellektuelles Feuerwerk abschweifender, hypertextueller Prosa, ein Überroman, und musste bereits nach den ersten hundert, zäh erkämpften Seiten enttäuscht feststellen, dass es sich auf weiten Strecken um ein relativ unspektakuläres, leicht metapoetisch aufgemotztes Tagebuch handelt. Mit neuen Erkenntnissen oder überraschenden Gedanken beschenkt wird man dabei eher selten. Der Autor gelangt kaum aus seiner Selbstbezüglichkeit.

Dabei ist die Ausgangsidee eines allesumfassenden Alltagsprotokolls, das nahe an der Echtzeit (die mit minutengenauen Zeitangaben festgehalten wird) erfolgt, nicht uninteressant. Fragmente eines geplanten "Totenbuchs" mit Nachrufen verstorbener Bekannter stehen so neben der Geschichte seiner iranischer Eltern, der eigenen Ehekrise und Vaterschaft, dem politischen Weltgeschehen und Vertraulichkeiten aus dem Literaturbetrieb. Verständlich, dass auch der Schreibprozess selbst zum Thema wird und man weniger einen fertigen Roman als die Entstehung eines Romans liest. Oder - mit Roland Barthes gesprochen - die "Vorbereitung zum Roman". In der häufigen eingestreuten Wendung "der Roman, an dem ich schreibe" kommt dieser Making-of-Charakter gut zum Ausdruck, wobei der Autor zu einem simplen Trick greift, um die Roman- von der Schreibebene zu trennen, indem er von sich in der dritten Person und oft in seinen verschiedenen sozialen Rollen spricht: "als Romanschreiber, Enkel, Sohn, Vater, Mann, Leser, Freund, Nachbar, Liebhaber, Berichterstatter, Orientalist, Handlungsreisender, Nummer zehn, Navid Kermani oder Poetologen" (1065).

Bestärkt zu diesem Projekt wurde Kermani durch die Leseausgabe der Frankfurter Hölderlin-Edition von D. E. Sattler, die er als "Schnäppchen" erwerben konnte. Das Besondere an dieser Ausgabe besteht darin, dass alle Textzeugen, egal von welcher Wichtigkeit, chronologisch abgedruckt sind, das Pathos der Gedichte also oft durch Briefmitteilungen oder simple Alltagsnotizen konterkariert wird: "Mit den Dokumenten liefert das Schnäppchen die Banalität mit, die in alles Heilige geschrieben ist." (185) Als weiterer Gewährsmann fungiert Jean Paul, dessen Dünndruck-Ausgabe zunächst als Stütze für die Schreibtischplatte dienen muss - was symbolisch auch so zu verstehen ist, dass sich Kermanis Schreiben auf diesen Autor stützt, der seine Texte ebenfalls mit zahlreichen Einschüben, Abschweifungen, Leseranreden, Selbstverdoppelungen etc durchsetzt und vom hohen, gemütsvollen Stil oft unvermittelt in humoristische Niederungen wechselt, so dass seine Romane wild durcheinander gewürfelt anmuten. Schliesslich liest Kermani während seines einjährigen Rom-Aufenthalts in der Villa Massimo auch Rolf Dieter Brinkmann und erkennt in dessen cut-up-artigem "Schreiben in Echtzeit" (620) ein legitimes Pendant zu seinem eigenen Verfahren.

An einer Stelle nennt Kermani sein Buch einen Roman aus gestrichenen Sätzen (537), da er auch Stütz- und Nebentexte enthält, die normalerweise im Lektorat herausfallen würde. Tatsächlich rät ihm der Verleger auch, alles "Geschwätzige" (185) daraus zu streichen. Doch Kermani hält an seinem Prinzip fest, dass es "ein Papierkorb ohne Handlung, Thema, Erzählstrategie und am schlimmsten ohne Ende" (703) werden soll. Damit besitzt Kermanis Pseudoroman eine gewisse Verwandtschaft mit Andy Warhols Buchprojekt a, das dieser ebenfalls als "a novel" bezeichnete, obschon darin noch viel radikaler, nämlich in mitgeschnittenen und nachher abgetippten Tonprotokollen, der Alltag in Warhols Factory dokumentiert wird. Nur hat - im Unterschied zu Warhol - Kermani keinen Experimentalroman geschrieben, sondern ein pompöses Egodokument, bei dessen prätentiösem Umfang sich unweigerlich die Frage stellt: Was um alles in der Welt rechtfertigt es, die eigene Lese- und Lebenszeit durch diese "Selberlebensbeschreibung" (wie es in Anlehnung an Jean Paul mehrmals heisst) künstlich zu verkürzen.

Wie interessant müssen fünf Lebensjahre sein, um 1200 dichtbeschriebene Seiten zumutbar zu machen? Weder inhaltlich noch sprachlich ragt dieser Selbstversuch über ein routiniertes Mittelmass hinaus und will es womöglich auch gar nicht. Weshalb aber musste das Buch als nicht uneitles Dokument einer intellektuellen Midlife-Crisis demonstrativ gedruckt werden? Es braucht einen langen Atem, wenn man es von vorne bis hinten, von Anfang bis Ende durchziehen will. Als Blätterbuch jedoch, in dem man nach Belieben schmökern, mal zufällig auf das eine dann wieder auf etwas anderes aufmerksam werden oder eine bestimmte Spur verfolgen kann, macht die Lektüre zusehends Spass. Und ist überdies an zwei ausgedehnten Abenden zu bewältigen.

Navid Kermani: Dein Name. Roman. München: Carl Hanser Verlag, 2011.

Montag, 2. September 2024

Andy Warhol: Die Philosophie des Andy Warhol von A bis B und zurück (1975)

Der Titel ist natürlich mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Eine Philosophie im eigentlichen Sinn ist bei der Popart-Ikone nicht zu erwarten. Vielmehr versammelt das auf dem Höhepunkt seiner Karriere entstandene Buch - 1962 gründete Warhol seine Factory und er kreierte seine berühmte Siebdruck-Serie der Campell's Soup Cans - eine Fülle von Ansichten und Lebensweisheiten aus der New Yorker Party- und Glamour-Szene über Schönheit, Sex, Geld, Kleider, Kunst, Ruhm, Erfolg und was die High Society sonst noch so beschäftigt. Wie auch in seinen Kunstwerken so orientiert sich Warhol auch in seinen Maximen und Reflexionen an den gesellschaftlichen Oberflächenphänomenen, um sie subtil zu subvertieren. Dabei sind seine Ansichten zuweilen erhellend, zuweilen belanglos, immer aber unkonventionell, mitunter provokant.

Ein paar willkürlich ausgewählte Kostproben: "Der höchste Preis, den du für die Liebe zahlen musst, ist, dass du jemanden um dich hast und nicht für dich allein sein kannst, was selbstverständlich besser ist." "Ein biederes Erscheinungsbild finde ich am besten. Wenn ich nicht so 'schlecht' aussehen wollte, dann würde ich 'bieder' aussehen wollen. Das fände ich auch gut." "Bei mir geht's ran, wenn's abgeht, ab ins Bett und Schluss. Das ist der grosse Moment, auf den ich immer warte." "Ich mag Geld an der Wand. Nehmen wir an, du wolltest ein Bild für 200 000 Dollar kaufen. Ich meine, dass du das Geld an eine Schnur binden und an die Wand hängen solltest." "Ein Künstler ist jemand, der Sachen produziert, die keiner haben muss." "In deinem Schrank sollte alles mit einem Verfallsdatum versehen sein, so wie bei Milch und Butter und Illustrierten und Zeitungen, und wenn das Verfallsdatum überschritten ist, sollte man das Ding wegwerfen."

Die im Titel erwähnten Buchstaben A und B suggerieren keine enzyklopädische Ordnung, vielmehr stehen sie für die beiden Gesprächspartner A und B, wobei letzterer eine Art sokratische Hebammenfigur darstellt, die A (i.e. Andy) seine Alltagsphilosopheme entlockt. Es handelt sich also um eine platonischer Dialog im Popart-Gewand, der zuweilen Nonsens-Dialoge vorwegnimmt, wie man sie später aus Tarantino-Filmen kennt, wenn sich zwei Figuren in Nebensächlichkeiten verbeissen, wie hier etwa anhand der Frage nach der Körpergrösse von Ursula Andress: Wo A behauptet sie sei ein Zwerg, bestreitet das B vehement, wobei diverse spitzfindige Argumente aus dem Köcher gezogen werden (z.B. die mutmassliche Höhe der Absätze unter den Schlaghosen), die jedem antiken Sophisten Freude gemacht hätten.

Höhepunkt des 'philosophischen' Rundumschlags sind zweifellos die Beschreibung von Warhols Manie, alles Erdenkliche die Toilette hinunterzuspülen bei gleichzeitiger Angstlust, dass es die Toilette verstopfen und wieder zum Vorschein kommen könne, sowie das Bekenntnis seines Unterhosen-Fetisch. Der Unterhosenkauf besitzt für Warhol eine nachgerade existenzielle Komponente: "Ich meine, ich würde lieber zusehen, wie einer seine Unterhosen kauft, als dass ich ein Buch lesen wollte, das er geschrieben hat." Seine Menschenkenntnis leitet Warhol auch hier vom Konsumgut ab, wobei es sich bei der Unterhose paradoxerweise um Intimwäsche und Warenartikel zugleich handelt, das Innere und Äussere also quasi dialektisch vermittelt.

Als wahrhaft philosophisch erweisen sich Warhols Reflexionen schliesslich dort, wo er ein Alltags-Mysterium thematisiert, das bis heute wohl alle auch regelmässig beschäftigt, auf das er aber ebenso wenig eine befriedigende Antwort finden: Weshalb verschwinden beim Waschen ständig Socken in der Maschine? Und wohin verschwinden sie? "Je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger kann ich an die abnehmende Zahl glauben. Das ist einfach nicht zu glauben!" Theoretisch zu ergründen offenbar auch nicht. Es bleibt ein Stück unbewältigte Metaphysik.