Paul Bowles zählt zu den amerikanischen Exil-Autoren der Lost Generation rund um die Pariser Gemeinschaft von Gertrude Stein und legte mit dem ersten Roman Himmel über der Wüste (1949) direkt sein literarisches Hauptwerk vor, das den Existenzialismus von Albert Camus (L’étranger, 1942) und Jean-Paul Sartre (La Nausée, 1938) beerbte. Im Vergleich zu diesem gefeierten Debut ist der spätere Roman Up Above the World eher literarische Kleinkost. Ein zwar routiniert, aber auch absehbar konstruiertierter Roman, der vor allem durch seine beklemmende Atmosphäre besticht, insgesamt aber nicht viel mehr als solide Unterhaltung bietet.
Durch die Technik der wechselnden Perspektive sehen sich die Lesenden zunächst im Unklaren, bis sich das Puzzle allmählich zusammenfügt. Das ungleiche Ehepaar der Slades – er: Taylor, ein Arzt im reiferen Alter; sie: Desirée, genannt Day, eine wesentlich jüngere Partnerin – treffen auf ihrer Urlaubsreise in Lateinamerika auf die exzentrische Mrs. Rainmantle, die sich hartnäckig an ihre Fersen heftet und schliesslich in der selben Hotelanlage auf Pueto Farol landet. Da sie ihr Zimmer «unerträglich» findet, kommt es zu einem Tausch: Slade opfert sich unfreiwillig und überlässt Mrs. Rainmantle den Platz an der Seite im Bett seiner Frau, während er im unbequemen Nebenzimmer übernachtet.
Das Ehepaar Slade verabredet sich jedoch, frühmorgens unbemerkt die Hotelanlage zu verlassen, um Mrs. Rainmantle endlos loszuwerden. Als Day jedoch aus dem Bett schleicht und einen Blick auf die schlafende Mrs. Rainmantle wirft, kommt es ihr vor, als starre sie die Schlafende mit offenen Augen an. Entsetzt wendet sie sich ab, doch der Anblick lässt sich innerlich nicht mehr los: Stets fürchtet sie, sie würde «die offenen Augen vor sich sehen, die leblos durch das Moskitonetz starrten» (43). Im Verlauf des Romans wird sich herausstellen, dass Mrs. Rainmantle in dieser Nacht tatsächlich durch Curare-Gift umgebracht wurde, verabreicht durch einen Handlanger ihres verkommen Sohns Vero, der die verhasste Mutter ein für allemal aus der Welt schaffen wollte.
In einem skurrilen Traum, der aus einem Film von David Lynch stammen könnte und mithin zu den besten Passagen des Romans gehört, offenbart sich die problematische Mutterbeziehung des Sohns. Er träumt er läge in einem «Glaskäfig» auf dem Bett, an dessen Ende «ein überdimensionales Osterei» angebracht ist, das wie ein Perspektiv den Blick auf eine «riesige Leinwand» freigibt (94). Dort erscheint eine Schauspielerin, die mit hysterischer Stimme eine «Anklage» formuliert, plötzlich wie von einem «Stromstoss» erfasst zusammenzuckt und sich in seine Mutter verwandelt (97). Sie hält eine Ansprache und wendet sich dabei direkt an ihren Sohn, der von «Grauen» gepackt durch endlose Korridore und Wendeltreppen «um sein Leben rennt» (98).
Die tote Mutter verfolgt ihn als «Schreckgespenst» (99) noch bis in seine Träume, wohl weil Vero die Rechnung ohne das Ehepaar der Slades gemacht hat: Über den spontanen Zimmerwechsel, den er in seinem Masterplan nicht einkalkulieren konnte, zeigt er sich höchst beunruhigt. Er befürchtet, dass Slades Frau den Mord mitbekommen habe und ausplaudern könnte. Deshalb entschliesst er sich zu einem perfiden Psycho-Experiment. Er lockt das Ehepaar mit seinem «unwiderstehlichen Charme» (111) in seine Luxuswohnung, wo er ihnen einen Drogencocktail verabreicht und sie, getrennt voneinander, über mehrere Tage einer Gehirnwäsche unterzieht, welche die Erinnerung an die Begegnung mit seiner Mutter auslöschen soll. Dazu bedient er sich psycho-akustischer «Geräuscheffekte»(233), um so die Gedächtnisinhalte abzuändern.
Dieser Sohn namens Grove, der aber Vero genannt wird und deshalb von sich behauptet, er nehme es «sehr genau mit der Wahrheit» (107), ist die eigentlich interessante Figur des Romans: eine Art Vorläufer von Patrick Bateman aus American Psycho. Ein Yuppie, ein typischer Ausbund der Jeunesse dorée, verwöhnt und wohlstandsverwahrlost, der aus lauter Ennui auf die schiefe Bahn gerät. Neben einer Vorliebe für den Holocaust (106) entwickelt er vor allem ein manipulatives Verhalten, das er insbesondere an seiner Freundin Luachita auslebt, die mit ihrem kleinen Sohn zeitweise bei ihm wohnen darf. Doch in seinem Tonstudio träumt er von dem perfekten Verbrechen, das er minutiös wie ein Theaterstück plant, in dem er bis auf einzelne Dialoge vorgängig das Skript dazu verfasst.
Sein zwangsneurotischer Perfektionismus zeigt sich letztlich auch in seinem «System der «Selbsthyptnose» (91): Er redet sich ein, dass die Gegenwart bereits vergangen sei und sein Handeln nur dem Geschehenen folgt bzw. erfüllt, was sich schon ereignet hat. Auf diese Weise kappt er jeden «emotionalen Bezug zu seiner Umgebung» und fühlt sich «unangreifbar» (91). Zunächst scheint Vero tatsächlich zu reüssieren: Die Slades verkehren bei ihm im falschen Glauben, er hätte ihnen geholfen, ein heftiges Fieber zu überstehen. Doch Day traut der Sache nicht ganz. Sie hat das «erschreckende Gefühl», «von ihm abhängig zu sein – als könnte sie sich nur an das erinnern, was er ihr bestimmte» (187). Auch Vero wird misstrauisch und ist verunsichert, ob seine Gehirnwäsche wirklich anschlug oder ob die Slades ihm nur etwas vorspielen.
Deshalb stellt er Day auf die Probe, um zu sehen, ob sie im Extremfall die Maske fallen lässt: Ihr Mann verschwindet plötzlich und sie macht sich autonom auf die Suche nach ihm. So kommt es am Ende zum Showdown zwischen Vero und Day, der beiden Figuren, die nicht zufällig als einzige einen sprechenden Übernamen tragen. Die Handlung bricht ab, als Vero einen «schwarzen Revolver» (245) zückt … Hier zeigt Vero plötzlich sein wahres Gesicht, das er zuvor stets durch seinen Charme verbarg. Wie von seiner aufgesetzten Freundlichkeit stets eine latente, kaum fassbare Bedrohung und ein diffuses Unbehagen ausgeht, wie er die Slades unter dem Deckmantel der Gastfreundschaft quasi in seinen Fängen hält, gehört zur beklemmenden Seite des Romans.
Paul Bowles: Gesang der Insekten. Roman. Deutsch von Pociao. München: Wilhelm Goldmann Verlag, 2002.