Ein Richter wird nach Sardinien strafversetzt, wo er vor Ort
bald eine interne Untersuchung über die angebliche Ermoderung eines Kollegen,
den er erst kürzlich kennenlernte, übernehmen muss, da er als Neuling einzig unbefangen
ist. Der Richter Valerio Garau stirbt – just am Tag an dem die Entführung des
Politikers Aldo Moro durch die roten Brigaden am Radio gemeldet wird – in der
Cafeteria des Gerichtspalastes an einer kleinen Dosis Zyankali, das man in
seinen Pillen diagnostizierte, die er aufgrund eines «Medikamententicks» (239)
einzunehmen pflegte. Die Ermittlungen erfolgen zeitlich parallel zu den
politischen Turbulenzen, die schliesslich zur Ermorderung Aldo Moros führen. So
wird erzähltechnisch ohne ersichtlichen Grund der Fall Valerio Garau stets
durch den Fall Aldo Moro überblendet.
Eine andere Referenzebene bildet in diesem vielschichtigen, aber auch verworrenen und symbolisch überladenen Roman von Anbeginn – bereits mit dem Motto aus Mozarts Don Giovanni – auch die Musik: Bachs Actus tragicus («Bestelle dein Haus»), Beethovens Streichquartett in a-Moll («Muss es sein?»), Puccinis Turandot («Der Rätsel sind drei / Der Tod ist einer») sowie Papagenos Gesang aus der Zauberflöte («heisa, hopsasa!») bilden den bedeutungsschwangeren Soundtrack des Romans. «Ist das von Bedeutung?» fragt ein Polizist, nachdem sie den Plattenspieler in Garaus Wohnung eingestellt haben. «Ich glaube nicht» (56), antwortet zwar der ermittelnde Erzähler, lässt sich in seinen aber stets von der Musik leiten: «Die Musikstücke, die ich damals gelegentlich hörte, kommen mir jetzt wie die zuverlässigsten Zeichen aus jener Zeit vor» (122).
In diese Zeit dringt der namenlose Erzähler, der strafversetzte Richter, immer stärker vor und lernt dabei seinen toten Kollegen Valerio Garau besser kennen als jemals jemand zu Lebzeiten. Doch weder die Berufskollegen noch die Verwandten und Bekannten können ihm in dem Fall weiterhelfen. Weder können sie sich vorstellen, wer Garau auf dem Gewissen hat, noch scheinen sie selbst ein ausreichendes Motiv für die Straftat zu besitzen. Zwar kommt allerhand Abgründiges zum Vorschein, was Anlass zu einem Mord bieten würde: Nicht nur eine mehr oder weniger offene Affäre mit der Frau des Gerichtspräsidenten, sondern auch eine verborge homosexuelle Neigung, wegen der sich Garau zeitweise einen Schnurrbart wachsen lässt, so dass er wie ein «Schweizergardist» (40) aussieht. Hinzu kommt eine illegaler Sammlung archäologischer Fundstücke, die in seiner Wohnung sichergestellt wird.
Doch alle diese Spuren verlieren sich im Ungefähren. Mehr durch Zufall entdeckt der erzählende Ermittler eine durch «solidarische Scham» (236) verdeckte Familientragödie. Anna Maria, genannt Biba, als Valerios ältere Schwester und Ersatzmutter «die wichtigste Frau in Valerios Leben» (175), einst als «Prinzessin der Jugend» (51) unter dem Künstlernamen Dale Arden eine bewunderte Rennfahrerin in ihrer «blauen Rakete», verfiel dem Alkohol wie dem Glücksspiel und begann schliesslich hochverschuldet Selbstmord. Zuvor hinterliess sie dem Bruder als letales Vermächtnis die «Pillendose» (23) ihres Vaters mit den verhängnisvollen Zyankali-Kapseln, die sie als Gattin eines Apothekers problemlos herstellen konnte, damit sie und ihr Bruder, die beiden Waisenkinder, im «gemeinsamen Tod» wieder «vereint» (175) sind.
Zumindest wird diese ‘Lösung’ des undurchdringlichen Falls durch vage und anspielungsreiche Vermutungen angedeutet. Der Roman beginnt, wie ein klassischer Whodunit. Entsprechend wächst die Enttäuschung, bis man merkt, dass hier die Aufklärung des Falls nicht im Vordergrund steht. Vielmehr geht es um Fragen der Identität (Wer und wie viele ist man für sich selbst und in den Augen der anderen) sowie um die Vergeblichkeit, ein vergangenes Leben lückenlos und plausibel zu rekonstruieren: «Ich hatte keine Ahnung davon, um wieviel grösser sein Leben eigentlich war, wie übrigens das Leben eines jeden.» (223) Zu viele Fragezeichen bleiben zurück: «Alles bleibt ungewiss, angefangen bei diesen Vermutungen» (246). Die «Beweggründe» bleiben immer «unvollständig». (241) Auf die ‘Wahrheit’ im emphatischen Sinn hält der Erzähler entsprechend nicht viel: «von Wahrheit wage ich gar nicht erst zu sprechen.» (127)
Vielleicht liegt hierin auch die Pointe: Die Ermittlungen bringen nicht eigentlich Licht in den Vorfall, sondern stossen stets vor neue Rätsel, auf die es wiederum nur spekulative Antworten gibt: der Erzähler liebt es, in «dunkeln Metaphern» (240), Zitaten und Bildern zu sprechen, die die ganze Deutungslast auf die Leserschaft überwälzen. Eine dieser dunklen Metaphern findet er in den Grabungsobjekten bei Garau, «die wir tot halten», die uns aber dennoch etwas mitteilen, wenn wir ihnen «mit Demut und Weisheit» lauschen (172). Die toten Dinge tragen dann «das Gegenteil davon in sich, allerdings ein absolut, unbekanntes, dunkles Leben» (173) – eines wie dasjenige von Garau, aber auch des namenlosen Erzählers.
Während die dunklen Geheimnisse Valerios Padaus im Zuge der Nachforschungen sukzessive ans Licht treten, bleibt das erzählende Ich, dem «ein fragwürdiger Ruf» (16) vorauseilt, gleichsam konturlos. Nichts erfährt man über seine eigene Geschichte. Ganz am Ende fragt sich der Erzähler jedoch, ob der Fall Valerio Garau «verzerrt» nicht sein Bild zurückwerfe wie ein «konvexer, fleckiger Spiegel» (248). Was damit gemeint ist, bleibt offen, deutet aber auf die eigene unaufgearbeitete Schuld hin. Weshalb sonst, soll «jedes Gefängnis», wie der Erzähler gleich im Anschluss bekennt, den Raum widerspiegeln, in dem sich sein «Leben» abspielt? So wird ihm der Fall Padau zur «sardischen Parabel» (227) seiner eigenen dunklen Existenz, die für die Lesenden ebenso rätselhaft bleibt wie der ‘ungelöste’ Fall.
Salvatore Mannuzzu: Der Fall Valerio Garau. Roman. Aus dem Italienischen von Moshe Khan. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1994.