Es gibt Bücher, die schlicht und einfach überfordern; und
dazu gehört im positiven Sinn auch Eine Australienreise, der einzige
Roman des norwegischen Dichters, Übersetzers und Essayisten Svein Jarvoll, der
im Februar dieses Jahres verstorben ist. Ein weiterer Roman erübrigte sich
vielleicht von selbst nach einem Buch, das alle Kategorien sprengt, übersteigt
und mithin erschöpft, von Anspruch geradezu universal: in enumerativer Breite
auf Geschichte, Kunst, Geographie, Mythologie, Philologie, Etymologie, Alchemie
und Theologie referiert.
Allein die formale Anlage ist aussergewöhnlich: Es handelt
sich um ein Wendebuch mit zwei Teilen, die um 180° gedreht von vorne und hinten
aufeinander zulaufen und sich «hier und dort» (M91) bzw. «Dort. Hier.» (S26) an
jenem Punkt treffen, an dem mit dem alten epischen Musenanruf «Erzähl mir …»
die Narration eigentlich erst in Gang gesetzt würde. Das Ende bzw. die Enden erweist
sich als Anfang und der Roman somit als «Opus infinitum» (M65), weshalb auch
das «Symbol der Ewigkeit» (M27), die «liegende Acht» oder «Lemniskate» (S22)
zweimal im Text aufgerufen wird.
Die beiden Teile tragen die Buchstaben M und S, die zugleich
die Initalien von Mark Stoller, dem Protagonisten und teilweise Erzähler des
ersten Teils sind, aber auch eine «italienische Zigarettenmarke» (M15) oder die
«Abbreviatur für Manuskript» (M59) und steht überdies für «Salto Mortale» (M77)
und «Moribundus Sum» (M85), womit schon die dominierende Todesthematik im
ersten Teil anklingt. Denn dieser Mark Stoller interessiert sich nicht nur für
Dantes Divina Commedia und die «Geschichte des Lochs» (M18), sondern
versteht sich überdies auch als Thanatologe (M38), verbringt einige Zeit im
«Pueblo de Muertos» (M11) und beschäftigt sich mit «Trionfo della Morte» (M38)
des Malers Buffalmacco in Pisa.
Schliesslich steigert sich der erste Teil während eines
«Moratoriums am Schwarzwasser» (M66) in einen imaginären Totentanz, in eine
gigantische Phantasmagorie, in sich wandelnde Bilder und «Dialoge im Ziechen
des Todes (M85) mit den «Leichenmaden, Jack und Jock» (M69), die in verschieden
Rollen schlüpfen. Wie der gesamte Roman besteht auch dieser Teil aus diversen
Form- und Stilexperimenten, gibt auf der einen Seite hochgelehrt und
fremdwortlastig, dann wieder obszön, klamauk- und kalauerhaft, etwa wenn der
«bukolische Blick» beschworen wird, «nachdem man eine Kuh in den Arsch gefickt
hat» (M27).
Was hat das alles mit Australien zu tun? Diese Frage stellt
sich zu Recht. Gleich zu Beginn rät der stinkende dänische Alchemist Flimpegg
dem Norweger Mark Stoller: «Du musst nach Australien reisen» (M4), relativiert
die Aufforderung jedoch sogleich: «Ich weiss nicht, welches Australien du
finden wirst» (M2) Hier deutet sich schon an, dass sich eher um «eine innere
Reise» (M28) handelt und Australien vielmehr als Chiffre für den «Alter Orbis»,
eine «Andere Wirklichkeit» und «Terra Incognita» (M54) fungiert. Denn «Keiner
von uns versteht Australien» (M50). Australien auf der südlichen Hemisphäre
markiert hier der direkte Gegenpol zu Norwegen.
Der zweite Teil spielt hingegen richtig in Australien. Und
hier zeigt der Autor anfänglich auch, dass er durchaus konventionell erzählen
kann, wenn er nur will. Aus der Sicht von Emmi und Alice wird eine Bergtour
oberhalb des Flusses Korrumburra geschildert, hoch zu einer Hütte, die der
Vater von Emmi mit einer anderen Alice bewohnt. Dort entdeckt Emmi ein Buch des
norwegischen Ethnographen mit dem unmöglichen Namen Magnus C. Ztlohmul, der zu
einer «Expedition» aufbrach, um den «Grossen Binnensee im Inneren Australiens»
zu finden (S13). Weder diesen See noch den «Rolandsstieg» fand er jedoch
jemals, wie sich schliesslich auch herausstellt, dass der «Australienfahrer»
Ztlohmul «niemals existiert hat» (S22), also eine reine Erfindung ist.
Er ist insofern aber eine allegorische Schlüsselfigur, weil
er über die «Doppelsichtigkeit» (auf norwegisch: visyn) verfügt, die es
ihm erlaubt «zwei Versionen der gleichen Sache festzuhalten […] oder zwei
Erzählungen in ein und derselben Zeit» (S13). Hieraus erklärt sich nun auch die
Logik des Wendebuchs, das zugleich zwei Erzählungen beinhaltet, eine ausgehend
vom Norden (Norwegen), die anderen vom Süden (Australien), die sich in der
Mitte berühren, wie das der Alchemist Flimpegg schon voraussagt, dass sich an
der «Aussengrenze der Gegensätze» (M4) die Dinge einander wieder annähern.
Solche Formen der «umgedrehten Spiegelsymmetrie» (M54) finden sich im Text
mehrfach reflektiert: von der Zahl 69 bis zur Carmen figurata, das je nach
Drehung ein Stundenglas (Tod) oder ein Schmetterling (Leben) symbolisiert
(M86).
Wie gesagt, der Roman ist überbordend und überfordernd.
Vielleicht bringt sein Prinzip nichts so treffend auf den Punkt wie dieser
Satz: «Das Füllhorn ist der poetische Ausdruck für die Unwissenheit der
Bourgeoisie über die Quellen des Reichtums.» (M8) Eine Australienreise
ist mit ihren Listen, Aufzählungen, Spezialdiskursen, Binnenerzählungen,
Abschweifungen (auf Tristam Shandy wird zweimal verwiesen! M46, S24) und
kulturellen Verweisen ein solches Füllhorn: «Es gibt» darin, um nochmals eine
metapoetische Stelle zu zitieren, «nicht einen Satz, der nicht in einem grossen
und verdatterten Schlund endet.» (M24)*
Svein Jarvoll: Eine
Australienreise. Aus dem Norwegischen übersetzt von Matthias Friedrich.
Schupfart: Das Versteck im Verlag von Urs Engeler, 2018. [Es handelt sich nicht
um die normale Buchhandelsausgabe, sondern um die Spezialedition auf «A4-Bogen»
(S25).]
*Über einen solchen
makrologischen Satz heisst es einmal in einer weiteren autoreflexiven
Parenthese: «(Ich schaute auf den Satz Es war ein schwerer Satz. Und er war
lang. Verdammt lang. Er war war [sic!] genauso lang wie die Forelle, nach der
ich letzte Nacht die Angel ausgeworfen hatte. Nicht, dass ich sie erwischte.
Aber ich versuchte es. Verdammt, und wie ich es versuchte. Das war eine lange
Forelle. Verdammt lang. Und schwer. Verdammt, und wie schwer.)» (S19)
PS: Ein winziges Detail, eine
Lektürekoinsidenz: Während Quaderna, der schelmische Antiheld in Suassunas
Roman Der Stein des Reiches zur Einsicht gelangt, «dass die Welt ein
räudiges Vieh ist und die Menschen blutsaugerische Läuse und Zecken, die auf
seinem grauen Fell umherirren» (648), entwirft Mark Stoller bei Jarvoll einen
gedanklich ähnlichen Aphorismus: «Der Planet, auf dem wir leben wie Läuse auf
dem struppigen Fell eines Tennisballs.» (M3, M38)