Lesefrüchtchen
Ein literarisches Tutti Frutti
Dienstag, 5. Mai 2026
Max Pulver: Himmelpfortgasse (1927)
Mittwoch, 29. April 2026
Theo van Doesburg: Das Andere Gesicht (1926/28)
Der niederländische Maler, Dichter und Typograf Theo van Doesburg gehörte der von ihm hauptsächlich begründeten Künstlerbewegung "De Stijl" an, deren gleichnamige Zeitschrift er auch herausgab. Obschon eher konstruktiv ausgerichtet, fanden auch Einflüsse aus dem Dadaismus und Surrealismus darin Eingang, so etwa in dem "abstrakten sur-humanistischen Roman" Das Andere Gesicht, der von 1926 bis 1928 in vier Fortsetzungen in der der Zeitschrift De Stijl erschienen ist. Ihm gingen 1920/21 unter demselben Titel bereits Aphorismen und 1926 ein Gedicht, ebenfalls Das Andere Gesicht betitelt, voraus.
In dem fast schon didaktischen Vorwort zum Roman, in dem Doesburg erläutert, dass es weder um "Sinn" noch "Bedeutung", sondern um das "Wort" selbst gehe, nennt er die surrealistische écriture automatique als Vorbild für die Textentstehung: "Die neue und hier zum erstenmal ins Holländische eingebrachte Schreibmethode ist die 'automatische'. Sie ist intuitiv. Logischen Zusammenhang darf man darin nicht suchen." (171) Mit dieser 'Triggerwarnung' ist die Leserschaft bestens darauf vorbereitet, sich nicht von dem skurrilen Wortgebilde, das Doesburg mit einem "Traum" vergleicht, überrumpeln zu lassen.
Doch so willkürlich, wie man es nun vielleicht erwarten könnte, gibt sich der Text im Vergleich zu anderen surrealistischen oder dadaistischen Texten gar nicht, zumal er sich nicht vollständig einem zwar wirren, aber doch ansatzweise nachvollziehbaren Handlungsverlauf verweigert. Man könnte es einen Traum nennen, näher liegt jedoch die Assoziation zu einer Jenseitsfahrt. "Das Leben schliesst" (178) heisst es an einer Stelle. Der Roman wird aus der Perspektive eines "schon Sterbenden" geschildert, der in zwei Hälften gespalten beschliesst, die "Reise in jene Unordnung zu wagen, die dem Nichts vorausgeht" (180).
Es versteht sich von selbst, dass auf einem solchen Trip "ins unermessliche Loch des Nichts" (172) alle Gebote der Vernunft, die "mit Bürgermilch grossgezogen" wurden (180), aus den Fugen geraten, bis zu dem Punkt, wo "das letzte bisschen Selbst" (191) verloren geht. Der Roman endet, nachdem er mit einem Dialog zwischen zwei Eierköpfen begonnen hat, folgerichtig mit einer "schonungslosen Kopfjagd", bei der die "von den Rümpfen abgefallenen Köpfe" reihenweise auf den Boden knallen: "bumm bumm bumm bumm BUMM" (191). Am Schluss steht die Figur des kopflosen "Adet Seward", benannt nach einer Cognacmarke, dessen Geschichte im Schnelldurchgang erzählt wird.
Fast schon programmatisch werden im Text die bürgerlichen Werte abgeschüttelt wie: den "Worten Sinn" und den "Handlungen Bedeutung" zu verleihen und "verstandesgemäss und moralisch zu denken" (188). Doesburg versteht seinen Versuch einer "Neuen Poesie" denn auch als Reaktion auf die Vorherrschaft der Vernunft, die im Alltag zwar dienlich sei, in der Dichtung aber nichts verloren habe: "Ihren lächerlichen Verstand können Sie sich dafür aufheben, die Rechnung Ihres Schneiders nachzuprüfen." (171)
Theo van Doesburg: Das Andere Gesicht. Gedichte, Prosa, Manifeste, Roman. 1913 bis 1928. Übersetzt und herausgegeben von Hansjürgen Bulkowski. München: edition text + kritik, 1983.
Freitag, 17. April 2026
Walter Serner: Letzte Lockerung. Manifest Dada (1919/20)
Samstag, 11. April 2026
Francis Picabia: Jesus Christus Rasta (1920)
Donnerstag, 2. April 2026
Tristan Tzara: Das erste himmlische Abenteuer des Herrn Antipyrine (1916)
Sonntag, 29. März 2026
Marlene Streeruwitz: Norma Desmond (2000)
Samstag, 21. März 2026
Elfriede Jelinek: wir sind lockvögel baby! (1970)
Schon auf den ersten Blick fällt auf, dass es sich um kein gewöhnliches Buch handelt: konsequente serifenlose kleinschrift, keine Kommata, keine Trennstriche, vereinfachte Schreibweise (ü für y, w für v, k für ch) - alles erinnert an Verfahren der konkreten Poesie und der Wiener Gruppe, von der die junge Autorin damals beeinflusst war. Doch damit nicht genug: Ungewöhnlich ist vor allem gleich zu Beginn die Aufforderung an die Leserschaft, das Buch "sofort eigenmächtig zu verändern". Zu diesem Zweck gibt es eigens verschiedene Titelschildchen zum Ausschneiden. Es soll also direkt physisch ins Buch eingegriffen werden und umgekehrt will der Text auch physisch ins Leben eingreifen und so eigentlich das Leben überflüssig machen. Die Präambel stellt vor die Wahl: Wenn man nicht zu einer "besseren Gegenwart" bereit sei, dann brauche man "das ganze nicht erst zu lesen"; andererseits wenn man sich bereits um "Veränderungen" bemühe, sei die Lektüre wiederum überflüssig, ja "unsinnig & verfehlt".
Diese Transformation von Literatur ins echte Leben klingt ganz nach Beat Poetry, und wohl nicht von ungefähr ist dem Buch ein Motto von Tuli Kupferberg vorangestellt. Auch an Burroughs und dessen These von einer repressiven Sprachpolizei lässt die Präambel denken, wenn dort von "massiven offiziellen kontrollen & ihren organen" die Rede ist, die es zu "unterminieren und zu zerstören" gilt, was Burroughs durch seine Cut-Up-Technik erreichen wollte, an die Jelinek mit der Kompositionsweise ihres Textes anknüpft. Es handelt sich um einen wilden Zusammenschnitt populärer Motive und Stoffe: Superman, Batman, Robin, Micky, Minny, Goofy, King Kong, Osterhase, ein ominöser White Giant, Heintje, Udo Jürgens, Brian Jones, die vier Beatles, John F. Kennedy und viele mehr geben sich in den oft absurden Handlungsfolgen, die bewusst die Grenzen des guten Geschmacks überschreiten, ein Stelldichein. Sex und Gewalt, Vulgarismen und Obszönitäten bestimmten das Geschehen, aber so schrill und überdreht, dass es ins Groteske und Comichafte kippt, zur Parodie der Groschen- und Trivialliteratur wird.
Obschon der Roman bis zum Bersten action- und handlungsreich ist, fällt es schwer die Geschehnisse sinnvoll zusammenzufassen, weil sie in unzählige, unsinnige, nonlinear erzählte Episoden zerfällt, oft auch abrupt unterbrochen wird, etwa durch einmontierte Werbetexte. Daraus ergibt sich keine kohärente Geschichte, sondern ein textuelles Gebilde aus lauter Oberflächeneffekten. Das Buch wird weniger inhaltlich, denn als Ereignis in Erinnerung bleiben. Es gehört zur Dreistigkeit der damals erst 24jährigen Autorin, wie sehr sie ihr Erzähltalent und ihr sprachliche Potenz unter Beweis stellt, sich zugleich aber auch radikal verweigert, weil sie ihr Können nicht in den Dienst einer vernünftigen Geschichte stellt. Nach dem Motto: Ich könnte schon, wenn ich wollte, will aber nicht. Für eine Debütantin ist das äusserst kühn und bemerkenswert. Den Literaturnobelpreis hätte sie damit vermutlich noch nicht gewonnen.
Dazu ein Detail: Relativ zu Beginn heisst es: "das wort schön muss unter allen umständen in jedem kapitel dieses bildungsromans wiederkehren." (22) Dieser ironische Wink auf das bildungsbürgerliche Ideal des Schönen - dem der Roman freilich in keinster Weise entspricht - wird dann tatsächlich ostentativ - teilweise mit parenthetischer Verdoppelung "schön(schön)" - ein paar Kapitel lang umgesetzt, schliesslich aber wieder unmotiviert fallengelassen. Die Autorin zeigt nur, wozu sie in der Lage wäre, ohne es konsequent durchzuziehen, was irgendwann auch langweilig würde. So aber macht die Intervention metasprachlich deutlich, dass ein Text nicht automatisch schön ist, nur weil das Wort 'schön' ständig wiederholt wird. In solchen Momenten beweist Jelinek ihre Souveränität. Sie beherrscht ihren Text genau und dosiert die Spracheffekte überlegen, selbst da wo sie oberflächlich derb oder ungelenk erscheinen. Die vordergründige Provokation lässt sich vielmehr als poetisches Verfahren der Sprachkritik erkennen, das Phrasen und Floskeln, Kitsch und Stilblüten unbarmherzig vorführt..
Elfriede Jelinek: wir sind lockvögel baby! roman. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 6. Aufl. 2004.