Was für eine literarische Entdeckung: Ein monumentales, enzyklopädisch
und genealogisch wucherndes Werk – genauer ein «heraldischer Volksroman» bzw.
ein «Romanzenroman» (217) – aus der unbändigen Kraft der brasilianischen Volksdichtung,
dem Schalk des Schelmenromans und dem patriotischen Geist eines Nationalepos, weshalb
es als «Memorandum» an niemanden weniger als «an alle Brasilianer ohne
Ausnahme» (29) gerichtet ist, wobei der Erzähler mit seiner oft wiederholten
Anrede («edle Herren und schöne Damen mit weichen Brüsten», 30) durchblicken
lässt, welch Kind er ist: ein ausgekochter Erznarr, der hier seine Kapriolen
schlägt.
Sein Name ist «Dom Pedro Dinis Ferreira-Quaderna», genannt
der «Entzifferer» (28), und er selbst eine schillernde Figur: Der 41jährige
arbeitet als Direktor der Stadtbücherei (389) in dem Sertâo-Städtchen Taperoâ,
betreibt nebenher ein Bordell und gibt verschiedene Almanache mit seinen
Scharaden und Rätselgedichten heraus, weshalb er sich den Titel der
«Entzifferer» verlieh. Ausserdem bezeichnet er sich als «linker Monarchist»
(395), frönt dem von ihm begründeten «Sertão-Katholizismus» (652) und strebt
danach, das absolute Meisterwerk zu schreiben, das «die gesamte brasilianische
Literatur» (218) subsumiert, um dadurch zum «Genius des brasilianischen Volkes»
(206) aufzusteigen.
Quaderna ist ein «Literaturbesessener» (396), der gänzlich
«der Lektüre von Flugschriften verfallen» (601) ist. Gemeint sind damit
triviale Erzählungen und Romanzen, die als «literatura de cordel» (898) in
schmalen Heften auf Märkten vertrieben wurden. Entsprechend sind auch die
Kapitel des Romans in einzelne «Flugschriften» unterteilt. Bei Quaderna handelt
es sich somit um einen brasilianischen Don Quijote, der sich seinen
Geist durch eine Überfülle an «Cangaceiro-Phantasien» (189) verdorben hat und
sich deshalb als Abkömmling des königlichen Bluts des Geh-und-Kehr-Zurück
wähnt, als heimlicher König «Dom Pedro IV.» (28) vom Stein des Reiches
(so der deutsche Titel des Romans), einer Dynastie von Königen, «die von 1835
bis 1838 einmal für allemal die geheiligte Krone Brasiliens trugen» (29).
Der Legende zufolge soll Quadernas Vorfahr, sein Onkel und
Pate Dom Pedro Sebastião Garcia-Barretto, auf mysteriöse Weise in einem von
innen verriegelten Turmzimmer enthauptet worden sein, just in dem Moment als
er die Karte, die zum verborgenen Schatz des Reichs vom Stein führt, wieder
entziffern konnte. Er nahm sein Wissen mit ins Grab und Quaderna die
Schatzkarte an sich. Bei diesem Ereignis wurde zugleich Sinésio, der eine Sohn
Dom Pedros entführt und angeblich ermordet, während der Arésio, der Sohn aus
anderer Ehe, das Erbe antreten konnte, was in der Folge zur Spaltung der
Familie der Gracia-Barrettos und der Ferreira Quadernas führte.
Die Anhänger von Sinésio glauben an seine Auferstehung und
warten seither auf seine glorreiche Wiederkehr, um das väterliche Erbe zu
verteidigen, in einer Art Gralssuche den Schatz des Stein des Reiches zu bergen
und das alte Königreich wieder zu errichten. Um diesen chiliastischen Dreh- und
Angelpunkt, der gleich zu Beginn geschildert und auf den immer wieder Bezug
genommen wird, kreist der gesamte Roman: die Ankunft des reitenden Jünglings
auf dem Schimmel am 1. Juni 1935, «genau am Vorabend von Pfingsten» (871), in
Begleitung von Dr. Pedro Gouveia, dem «Mönchs-Buschritter» (34) Bruder Simão
und «Luís von Dreieck» (53), der eine Art Karikatur des ehemaligen
brasilianischen Präsidenten «Luis Pereira de Sousa» (53) zu sein scheint.
Dieser Hergang wird nun aber nicht wie in einer alten
Chronik chronologisch erzählt, sondern mäandernd und abschweifend in vielen
Episoden und Episödchen, die zwar stets um das zentrale Ereignis kreisen, ohne
es aber fassbar zu machen, im Gegenteil es mit jedem Mal durch neue Nuancen weiter
diffundieren. Die geniale Erzählanlage des Romans ist nämlich als
Gerichtsverfahren gestaltet. Quaderna muss sich vor dem Richter Joaquim Navarro
Bandeira mit dem «Spitznamen Joachim Schweinekopf» (348) für den Einmarsch des
Schimmelreiters verantworten, der nicht nur am Vorabend von Pfingsten, sondern
auch «am Vorabend der kommunistischen Revolution» (882) erfolgte, weshalb der
Richter dahinter eine subversive Verschwörung vermutet.
Während der Richter unnachgiebig die kommunistischen
Machenschaften im Städtchen Taperoâ aufdecken will, als deren Drahtzieher er –
den real existierenden Revolutionär Luís Carlos Prestes vermutet – versucht ihn
Quaderna davon zu überzeugen, dass es sich bei dem Jüngling auf dem Schimmel um
den lang ersehnten, endlichen zurückgekehrten Sinésio handelt, der das alte Königreich
wieder neu errichten wird. Einen Grossteil der Komik zieht die Erzählung aus
diesem situativen Missverhältnis, wie Quaderna stundenlang über die Geschichte,
Mystik und Symbolik des Steins des Reiches schwadroniert, unklar ob es sich
lediglich um eine monumentale Ausrede oder tatsächlich um eine geistige Verblendung
handelt.
Noch aus einem anderen Grund teilt Quaderna seine
Familiengeschichte in detailreicher Ausführlichkeit mit: Er will die
Gerichtsverhandlung zugleich als Anlass dafür nutzen, sein ihm vorschwebendes
Nationalepos der Stenotypistin Margarida in die Schreibmaschine zu diktieren,
weil er sich selbst aufgrund seines «Stummelschwanzes» dazu nicht in der Lage
sieht: Dieser «Knochen» zwischen seinen «Hinterbacken» verunmöglicht ihm das
Stillsitzen und daher die konzentrierte Niederschrift eines längeren Werks (398f.).
Hier bricht sich die Diskrepanz zwischen Quadernas hochfliegenden Ansprüchen
und der nüchternen Realität, wie sie während des Verhörs ständig zu Tage tritt
und dessen Schilderungen «im königlichen Stil» (461) konterkariert, der es mit den
Fakten nicht allzu genau nimmt.
Zur Komik tragen ferner die beiden Begleiter Quadernas bei,
seine Hauslehrer Samuel und Clemens, zwei hochgradige Ideologen, die sich wie
Tag und Nacht zueinander verhalten und sich in permanente Grundsatzdiskussionen
verstricken. Während Samuel von adliger Herkunft das Brasilien der
Konquistadoren und entsprechend aristokratische Grundsätze vertritt, stammt
Clemens aus den autochthonen indigenen Tapuia-Bevölkerung und folgt
kommunistischen Maximen, die sich gegen die Unterdrückung wenden. Quaderna
versucht beide Positionen, für deren jeweiligen Heroismus er durchaus
empfindlich ist, in seiner Vision von einer ‘linken Monarchie’ zu versöhnen. Zu
Dritt gründen sie die «Geisteswissenschaftliche Akademie der Eingeschlossenen
im Sertão von Paraíba» (200). Neben den endlosen Debatten bildet ein komischer
Höhepunkt der Auseinandersetzung zwischen Samuel und Clemens ihr Duell mit den
Nachttöpfen (385).
Der Erzähler versteht sich als «Diascevast» (390), als einer
der aus allen Quellen für sein Werk schöpft und das «Plagiat» folglich als ein
«ganz normaler Schöpfungsvorgang» (298) betrachtet. Dies entspricht durchaus
dem poetologischen Prinzip von Suassuna, der in diesem kolossalen Roman das
gesamte literarische Erbe Brasiliens, teilweise in direkten Zitaten,
synkretistisch vermischt und dabei erstaunlich viele Stilregister (pathos und
bathos) zieht: vom epischen Ton bis zur Burleske, von gelehrten Diskursen bis
zu derben Humor, von der Mythologie bis zur Geschichtsschreibung, so dass
Suassuna gleichsam den Anspruch seines Protagonisten erfüllt und eine Art Summe
der brasilianischen Literatur vorlegt, allerdings nicht im heroischen Höhenflug,
sondern mit dem doppeltem Boden der Ironie.
Die deutsche Ausgabe in der Hobbit-Presse ist auch ein
gestalterisches Meisterwerk mit den kolorierten Holzschnitten von Zelia
Suassuna (der Fiktion nach allerdings von Quadernas Bruder Taparica Quaderna),
die verschiedene Wappen, Schilder und Visionen, auf die im Roman fortlaufend Bezug
genommen wird, visualisieren, darunter natürlich auch der Stein des Reiches,
der auf einem Bild aber «höllisch unanständig» aussieht, nämlich «wie ein
Schwanz» (165). In solchen Momenten, die den ganzen Kult ins Obszöne und damit
auch Lächerliche ziehen, zeigt sich die parodistische Anlage des Romans.
Obschon Suassuna alle Register selbstreflexiver und
metathematischer Erzählweisen der Postmoderne zieht, versteht er sich doch als
Traditionalist, der das volkstümliche Erbe, insbesondere der Sertão-Literatur,
bewahren will und zu diesem Zweck das «Movimento armorial» begründete, um auf der Grundlage populärer Genres und Volksdichtung neue literarische Werke zu schaffen.
Versteckt der Autor deshalb aus einem reaktionären Impuls heraus eine wüste kleine
Invektive gegen die damals mit der avantgardistischen Noigandres-Bewegung gerade florierende
Konkrete Poesie in Brasilien? «Konkreter Dichter, lass dich von hinten …!»
(279)
Ariano Suassuna: Der Stein de
Reiches oder die Geschichte des Fürsten vom Blut des Geh-und-Kehr-Zurück.
Heraldischer Volksroman aus Brasilien. Aus dem Brasilianischen übersetzt von
Georg Rudolf Lind. Stuttgart: Klett-Cotta, 1979.