Fritz Leibers SF-Satire auf den Literaturbetrieb gewinnt heutzutage an neuer Aktualität, wo Bücher mit dem Label "human written" bzw. "human authored" beworben werden müssen, um sie von Produkten künstlicher Intelligenz abzugrenzen. Leibers Roman spielt in einem Zeitalter, in dem längst auf maschinell erzeugte Literatur umgestellt wurde, auf Groschenromane der trivialsten Sorte, die die Leserschaft mit "Wortschmalz" einsülzen: "Texte voller warmer Adjektivwolken" (13) wie "brunch" und "ixig". Die Autorinnen und Autoren sind zu Marionetten ihrer "Wortmaschinen" degradiert, die sie im Schichtbetrieb bedienen und ansonsten als Dichterdarsteller agieren müssen: als öffentliche Aushängeschilder, um den Verkauf der Bücher anzukurbeln. Leiber scheint schon damals begriffen zu haben, was die Literaturwissenschaft erst Jahrzehnte danach entdeckte: Dass die werkkongruente Inszenierung von Autorschaft ein Erfolgsfaktor ist.
Doch nicht alle Autoren sind glücklich mit dieser Situation. Eine Gruppe rund um die Femme-fatale-Dichterin Heloise Ibsen und den literarischen Muskelprotz Homer Hemingway blasen zum Maschinensturm und zerstören alle Wortmaschinen - zum blanken Entsetzen von Gaspard de la Nuit, der nicht nur begeisterter Produzent, sondern auch Rezipient von Wortschmalz ist und deshalb alarmiert zu seinen Verlegern vom Raketen-Verlag rennt, um sie vor der Attacke zu warnen. Doch wie sich herausstellt, begünstigen die beiden Verleger den Aufstand der Autoren, da sie auf eine neue Form von Literatur umsatteln wollen. Sie sind im Besitz einer Erfindung von Daniel Zukertort, dem "grössten frühen Menschenexperten für Robotik" (66), der die Hirne bedeutender Männer konservierte, und zwar in silbernen Eierköpfen, die in einem geheimen Sicherheitstrakt eingelagert sind. Diese künstlichen Humpty Dumptys - die Silver Eggheads - sollen mit klassischer Literatur gefüttert werden, um ambitionierte Bestseller zu produzieren.
Doch es stellen sich zwei Schwierigkeiten. Zum einen zeigen sich die Eierköpfe wenig kooperativ und weigern sich zunächst, literarische Texte zu verfassen. Als sie schliesslich Gefallen an der Sache finden, führt ihre "unglaubliche Eitelkeit" und "gigantische Egozentrik" zu absolut unlesbaren Resultaten: Die Eier versuchen, "sich so verwirrend wie möglich zu geben, um ihre Brillanz unter Beweis zu stellen." (208) Zum anderen bekommen konkurrierende literarische Gruppierungen - u.a. die Hexen von der Amateuer-Vereinigung Litera - Wind von "dem Ass im Ärmel" (111) des Raketen-Verlags und versuchen, an die Eierköpfe zu gelangen. Tatsächlich wird dann auch eines der Eier - das sogenannte "Küken" - entführt, durch eine spektakuläre Helikopterjagd wieder gerettet und ist aufgrund dieser Erfahrung (und inspiriert durch seine Muse, die Schwester Bishop) in der Lage, wirklich wahre Literatur zu schreiben. Und wahr heisst: "handgreifliche Literatur, die Risiken eingeht, Abenteuer durchmacht und Fragen stellt" (213).
Mit diesem Plädoyer für authentische Literatur endet der Roman mit einem vergleichsweise konservativen Tenor und weist die Geschichte nochmals klar als Kritik an einer Zukunft aus, in der Bücher nurmehr künstlich generiert werden. Und nicht nur Bücher. Neben der Literatursatire macht sich der Autor auch über erotische Surrogate lustig. Es gibt nicht nur Robotersex, bei dem sich die Androiden Kabel ein- und ausstöpseln, es wird sogar ein Bordell mit künstlichen Prostituierten betrieben, mit sogenannten "Femmequins", das sind animierte Sexpuppen, die einmal aktiviert, alle männlichen Wünsche befriedigen. Miss Willow, eine dieser Femmequins, läuft jedoch so heiss, dass sie Gaspard de la Nuit in arge Bedrängnis bringt. Der Traum der absolut verfügbaren Frau kippt hier in pure Kastrationsangst: "In seiner Phantasie waren Miss Willows weiche, kühle Finger abrupt zu Stahlklauen geworden." (172) Sie wird schliesslich immer zudringlicher und lässt ihn nicht mehr los, weil er kein Geld dabei hat, um es ihr zuzustecken ("du-weisst-schon-wo", 173).
Der Roman wirkt arg überdreht und ist an vielen Stellen läppisch oder erzwungen originell. Zudem will der Autor durch etliche Anspielungen auf literarische Klassiker seine Belesenheit unter Beweis stellen. Als Satire funktioniert der Roman trotzdem relativ gut und ist, wenn man über die im Grunde hanebüchene Geschichte hinwegsieht, auch einigermassen unterhaltsam. Kulturhistorisch bedeutsam ist das Buch vielleicht deshalb, weil Fritz Leiber zwei Tech-Utopien klar antizipiert hat: Der Wunsch, das Bewusstsein ewig konservieren zu können (Eggheads), und der Wunsch nach der allzeit verfügbaren Frau (Femmequins).
Fritz Leiber: Die programmierten Musen. Science Fiction-Roman. Ins Deutsche übertragen von Thomas Schlück. Bergisch-Gladbach: Bastei Lübbe, 1983.