Michel Houellebecq, das enfant terrible der französischen Gegenwartsliteratur, legte mit Unterwerfung einen nachgerade prophetischen Wurf vor. Der Roman erschien auf den Tag genau, als am 7. Januar 2015 in der Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo ein islamistisch motivierter Terroranschlag erfolgte. Damit bestätigte sich realpolitisch, was Houellebecq als zutiefst sarkastische Dystopie in seinem Roman entwirft: die schleichende Islamisierung Europas.
Die Handlung spielt in einer unmittelbaren Gegenwart und bezieht sich, etwa mit der Nennung der Front National von Marine Le-Pen, auch explizit auf die Zeitgeschichte. In Frankreich brodelt es; selbst der politisch desinteressierte Ich-Erzähler, ein Literaturwissenschaftler, der sich als Huysmans-Experte einen Namen machte, ahnt, dass das Land kurz vor einem "historischen Umbruch" (177) steht. Die Muslimische Bruderschaft unter dem charismatischen Anführer Ben Abbes will an die Macht, während die extremen Rechten (die "Identitären") ihre Hasspolitik betreiben.
Am Abend vor den Wahlen kommt es zu einem Scharmützel: Ein Wahllokal wird ausgeraubt, so dass der gesamte Wahlgang für ungültig erklärt und wiederholt werden muss. Das nutzen die Linken und die Konservativen zum Schulterschluss mit Ben Abbes, um den Aufstieg der Front National zu verhindern. Was zuvor undenkbar erschien, geschieht über Nacht: die Koalition gewinnt die Wahl und der Islam wird zur Staatsreligion. Gegen aussen gibt sich Ben Abbes zwar gemässigt, doch schafft er rasch den Laizismus ab und führt die Scharia samt Polygamie ein.
Wer von den Universitätsangehörigen nicht zum Islam konvertiert, wird fristlos entlassen, erhält aber, damit kein Aufruhr entsteht, eine ordentliche Lebensrente. So auch der Huysman-Experte, aus dessen Sicht die Ereignisse geschildert werden. Es handelt sich um einen Protagonisten, wie er häufig bei Houllebecq anzutreffen ist: Ein leicht misanthropischer Einzelgänger, unverheiratet, aber mit einem promiskuitiven Sexleben (eine Studentin pro Semester), das ihn allerdings - mit seinem "ebenso leistungsstarken wie gefühllosen Organ" (182) - auch nicht richtig befriedigt.
Dass er sich mit Huysmans, einem Décadence-Autor, beschäftigt, ist erzähllogisch nicht ganz zufällig, denn auch er leidet an einem überästhetisierten Ennui. Entsprechend teilnahmslos verfolgt er die politischen Turbulenzen. Einzig zu Myriam verbindet ihn eine emotionale Nähe. Sie verlässt aber mit ihrer Familie kurz vor den Wahlen das Land, weil sie als Jüdin weder unter einer rechtsextremen noch islamischen Regierung mehr sicher wäre. Doch das scheint ihn nicht weiter zu bekümmern, stattdessen vergnügt er sich mit Escort-Damen, die er sich dank seiner Rente leisten kann.
Am Ende wird der Ich-Erzähler doch noch von der neuen islamischen Regierung vereinnahmt, als ihm ein "offer he can't refuse" unterbreitet wird: Er soll in der renommierten Pléiade-Reihe im Gallimard-Verlag eine Huysmans-Ausgabe herausgeben, was für sein Expertentum die letzte Krönung bedeutet. Zugleich wird ihm signalisiert, dass sein Wiedereintritt in die Universität und damit einhergehend eine Konvertierung zum Islam erwünscht wäre. Der Roman endet damit, wie der Erzähler über die Vorteile sinniert, die ihm ein patriarchales System mit der Lizenz zur Vielweiberei bieten würde.
Ist das nun Satire oder schon Dystopie? Das Provokante und auch Erschreckende an dem Buch liegt in der völligen Gleichgültigkeit, wie die Erzähler das neue Regime und die Aufgabe aller freiheitlichen Werte vom Erzähler akzeptiert, ganz einfach weil er zu den Profiteuren und Privilegierten gehört. Nicht einmal aus ideologischer Überzeugung oder Berechnung, sondern aus purer Bequemlichkeit. Er fügt sich in die neuen Begebenheiten, ohne mit der Schulter zu zucken. Das Einzige, was ihn beschäftigt, ob ihm von den islamischen Heiratsvermittlerin auch wirklich die schönsten Studentinnen zugeführt werden.
Michel Houellebecq: Unterwerfung. Roman. Aus dem Französischen von Norma Cassau und Bernd Wilczek. 11. Aufl. Köln: Dumont 2021.