Seinen Roman "Kult" zu nennen, ist irgendwie an sich schon Kult. Und es ist hier auch gerechtfertigt, denn der Roman hat eindeutig das Zeug zum Kultbuch. Witzige Szenen, eine noch gewitztere Sprache und eine durchgeknallte Story. Das Erstaunliche dabei ist: Der Roman stammt aus der Feder eines 16jährigen! Was man bei der Lektüre fast nicht glauben mag, weil der Erzähler dermassen abgeklärt über allen Dingen steht, egal ob es um Triperfahrungen, Kantinen-Smalltalk, Okkultismus oder pädophile Neigungen geht. Wo nimmt ein junger Bursche bitteschön diese Lebenserfahrung her? Und auch sprachlich kann es Deresch locker mit den Meistern des Fachs aufnehmen. Abgesehen von ein paar Stellen, wo das jugendliche Temperament mit dem Autor durchgeht, ist diese Prosa von stupender Souveränität. Auch da fragt man sich, wo nimmt dieser Jungschriftsteller bloss den Wortschatz her? Sind solche Sätze seinem Alter zuzutrauen: "Sie schwamm in den goldenen Wassern endokriner Begeisterung." (193); solche Vergleiche: "Er sah aus wie ein Toter - leichenblass, unter den Augen violette Ringe (die Farbe der Kissen im Sarg eines Mafioso)." (211); "zwei verwöhnte Teenager mit einer Sprache, schmutzig wie der Boden eines Mülleimers." (212) "Im Zwielicht der Sommerhitze glich er dem bösen, von unvorsichtigen Punks aus der Flasche gelassenen Dämon des Untergrunds." (147) - Der Roman lebt von solchen originellen Sprachfiguren.
Deresch versteht die Kunst, zu unterhalten und gleichzeitig auf ungezwungene Weise anspruchsvoll (hie und da sogar experimentell) zu sein, wo ansonsten Literaturdebütanten viel zu verkopft sind. Hier wirkt jedoch alles frisch und unverkrampft, selbst da wo ab und zu eine intertextuelle Anspielung untergejubelt wird. Angesichts der vielen popmusikalischen Referenzen im Roman könnte man sagen: Deresch 'rockt' das Ding. Dass ein Jugendlicher die Feder führte, ist allein dem Inhalt anzumerken, handelt es sich doch um einen Collageroman mit hauptsächlich adoleszenten Protagonisten. Hauptfigur ist Jurko Banzai, der im Provinzkaff Midni Buky ein Praktikum als Biologielehrer absolvieren muss. Dort lernt er nicht nur die verschlossene, von ihren Kameradinnen gemobbte Schülerin Daria Borges (Obacht: Borges!) kennen, er besucht in seinen luziden Träumen auch die "Bibliothek von Babel " (59) - Obacht: wieder Borges! -, wo er geheimnisvolle alte Bücher zu Gesicht bekommt. Darunter auch - wie sich herausstellt - das Necronomicon, das jeder eingefleischte Lovecraft-Leser natürlich kennt. Der Roman entwickelt sich dann tatsächlich zu einer Art Lovecraft-Sequel im Gewand einer Coming-of-Age-Geschichte. Der Keller der Schule entpuppt sich als das - aus Lovecrafts Horrorstorys stattsam bekannte - Tor zu jener anderen Sphäre, aus der die "Grossen Alten" in die Welt eindringen wollen.
Als Schwellenfigur und Grenzgänger zwischen den Welten agiert der Hauswart der Schule namens Roman Korij, der das Ritual oder eben den titelgebenden "Kult" im Keller durchführt, der die Grossen Alten erfolgreich beschwört. Am Ende ranken sich "Yog-Sothoths Tenktakel" (238) durch das Tor. Wobei die Grenze zwischen Einbildung und Wirklichkeit zunehmend unklar wird, bis hin zum alten literarischen Motiv vom Leben als Traum: "das Leben ist ein Traum" (160). Korij erscheint in den Träumen von Banzai und Daria wie Freddy Krueger in den Nightmare on Elm Street-Filmen und spielt ein perfides Spiel mit ihnen, um zu verhindern, dass sie die Pforten zur anderen Welt vorzeitig schliessen können. Denn während Korij zu denen gehört, "die aufschliessen", scheinen Banzai und Daria zu jenen bestimmt, "die versperren" (122), was ihnen - so legt es das offene Ende nahe - allerdings nicht gelingt. Stattdessen driftet Daria (im Traum?) einem neuen "Utopia" (249) entgegen, begleitet vom "Sackpfeifenspieler" (246) - eine Mischung aus Pink Floyds "Pfeifer an den Toren der Morgenröte" (151) und Carlos Castaneda. Dergestalt wirbelt Ljubko Deresch die Popkultur des vergangenen 20. Jahrhunderts zu einem vergnüglichen Potpourri zusammen, das über den Lovecraft-Plot hinaus mancherlei Einblicke in die ukrainische Subkultur - Jugendgruppen (61 f.) und ihre Konflikte (67 ff.), Beatnik-Gedicht (91), Disco bzw "Rockothek" (104 ff.), Happening/Performance (134 ff.), - bietet.
Ljubko Deresch: Kult. Roman. Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr. 4. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2013.