Sonntag, 14. Juni 2026

Percival Everett: Dr. No (2022)

Dieser Roman ist ein Witz, gemäss Kants berühmter Definition, der zufolge der Witz die Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts sei. Und dieses Prinzip wendet Everett in seinem Roman permanent und bis zum Schluss an, der mit dem Satz endet: "Nichts geschah." (319) Wobei offen bleibt, ob damit vielleicht nicht die schlimmstmögliche Wendung eingetroffen ist: "Gott steh uns bei. Nichts geschah." (319) Jedenfalls dürften nicht nur die Figuren im Roman das "ganze Gerede von nichts verwirrend" finden (247), das stets zwischen Negation und Affirmation changiert.

Negationen zu substantivieren, führt zu den grössten Verwirrungen. Das wusste schon Odysseus, als er sich gegenüber dem Kyklopen Polyphem als "Niemand" ausgab, so dass dieser, nachdem ihm das eine Auge ausgestochen wurde, rief: "Niemand hat das getan." Damit war der Fall erledigt. Nicht anders funktioniert das Spiel mit dem Indefinitpronomen "nichts", das Everett ausgiebig betreibt, ohne dass es jemals langweilig oder angestrengt wirken würde. Im Gegenteil ist ihm einmal mehr ein ebenso leichtfüssig unterhaltsamer als auch intellektuell kitzliger Roman gelungen.

Wala Kitu ist Mathematikprofessor mit leicht ausgeprägtem Asperger-Syndrom. Er gilt als "Experte für nichts" (201), jedenfalls hat er sich darauf spezialisiert. Ausserdem hat er eine einbeinige Bulldoge namens Trigo, mit dem er im Traum philosophische Gespräche führt. Kitus Theorie besteht darin, dass "nichts" nicht einfach "nichts" ist, sondern "das Konkreteste der konkreten Welt" (24). Deshalb wird er vom Selfmade-Milliardär und Möchtegern-Superschurken John Milton angeheuert, um in Ford Knox einzubrechen, weil er davon überzeugt ist, dass dort eben dieses "nichts" gelagert wird.

Das heisst, dass der "Tresorraum nicht leer" (15) ist, sondern dass darin eben substantiell "nichts" vorhanden ist. Dem "nichts" wird also einen quasi-ontologischen Status verliehen, als Antimaterie oder mehr noch als regelrechte Vernichtungswaffe, mit der man ganze Städte auf der Landkarte ausradieren kann (238). Und so nimmt das gefährliche Spiel um "nichts" seinen Lauf, das ebenso vernichtend ausfallen kann wie nichtig, je nachdem ob das Pronomen nun unter negativen oder positiven Vorzeichen verstanden wird. Ein Satz wie: "Er glaubt an nichts" (218) gewinnt da je nach Lesart einen diametral verschiedenen Sinngehalt.

Der Titel Dr. No ist angesichts des dominierenden Themas nicht nur treffend gewählt, sondern auch eine Anspielung auf den ersten James-Bond-Film. Der Roman liest sich tatsächlich als Parodie auf dieses Genre, auf dessen Folie er offensichtlich geschrieben ist. Der grössenwahnsinnige Schurke verfügt über opulente Residenzen, technisch vollgerüstete U-Boote und Boliden, seine Gegner werden per Knopfdruck direkt vom Sitzungszimmer aus an Haifische verfüttert, und es gibt sexhungrige Bond- bzw. No-Girls.

Obwohl in den actionreichen Plot immer wieder philosophische und mathematische Reflexionen, kleinere Theoreme und Terminologien eingestreut sind, liest sich der Roman mühelos. Das ist kluge Unterhaltung mit Niveau, ohne prätentiös zu sein. Wer will, kann nach der Lektüre über manches Paradox weiter nachdenken - oder über die mitunter merkwürdigen Kapiteltitel, die - ohne direkt ersichtlichen Zusammenhang - Lewis Carroll (Humpty Dumptys extreme Praxis) ebenso anzitieren wie Jacques Derrida (Il n'y a pas de Hors-Texte). Immerhin war Carroll (alias Charles Dodgson) ein studierter Mathematiker und Derrida bekannt für seine dekonstruktiven Wortspiele.

Percival Everett: Dr No. Roman. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. München: Hanser, 2025.

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