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Donnerstag, 5. Februar 2026

Thomas Duarte: Was der Fall ist (2021)

"Die Welt ist alles, was der Fall ist." So lautet der erste Paragraph aus Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus. Und er endet mit der Feststellung: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." Zwischen diesen Polen entfaltet sich der Romanerstling Was der Fall ist des - mit über fünfzig Jahren - relativ späten Debütanten Thomas Duarte.

Aus der Ich-Perspektive wird die Geschichte eines Büroangestellten erzählt, der für eine wohltätige Firma arbeitet, für die er Gesuche zusammenfassen und Empfehlungen ausstellen muss. Doch das Bewilligungsverfahren scheint relativ willkürlich, da der Chef mehr an den "Fällen" als an der Wohltätigkeit interessiert ist und daher das Geld unbedarft auch an suspekte Antragssteller vergibt.

All die "Fallordner", die der Ich-Erzähler anlegen muss, dienen letztlich als Material für ein Buch, an dem der Chef arbeitet, und das nicht weniger als ein "Buch über den Zustand der Welt" (35) werden soll. Um die hochtrabenden Ambitionen seines Chefs zu unterstützen, beginnt der Erzähler, Fälle zu erfinden oder zu manipulieren, wovon der Vorstand allerdings Wind kriegt, nachdem die Frau des Chefs das Büro des Erzählers durchstöbert hat.

An der nächsten Vorstandssitzung wird der Erzähler entlassen - und hier setzt die Geschichte ein. Niedergeschlagen läuft er durch die Strassen und gelangt spätnachts zu einem Polizeiposten. Aus einer seltsamen Verlegenheit betritt er das Gebäude und fühlt sich nachgerade aufgefordert, dem "zuvorkommenden" Polizisten (15) etwas zu erzählen: "Es würde also nicht genügen, bloss so dazusitzen und zu schweigen. Er erwartete, dass ich ihm irgendeine Geschichte präsentiere." (17) 

So ignoriert der Erzähler Wittengsteins Rat, besser zu schweigen, wovon man nicht sprechen kann, und und packt seine Lebensgeschichte aus, während ihm der Polizist - der vom Erzähler fortan liebevoll als "mein Polizist" (163) bezeichnet wird - eine Decke, etwas zu Essen und ab und zu auch eine Zigarette anbietet. Zuerst glaubt der Polizist noch, es handle sich um eine ordentliche Protokollaufnahme, realisiert aber rasch, dass er in eine Art talking cure geraten ist und lässt den Erzähler reden.

Dessen Existenz spielt sich mehrheitlich im Büro ab, wo er aber ein heimliches Doppelleben führt. Er bewohnt ein kleines Hinterzimmer seines Büros, wo er spartanisch haust, auf einer Matratze schläft und auf dem Spirituskocher kleine Mahlzeiten zubereitet. Als das die Putzfrau Mira entdeckt, entwickelt sich eine Affäre zwischen den beiden, obschon sie mit einem anderen Mann zusammen illegal in der Schweiz wohnt, was der Erzähler gleich zu Beginn dem Polizisten eröffnet und sich in der Folge die Frage stellt: "warum ich sie verraten habe" (9).

Um sich darüber Rechenschaft abzulegen, schreibt er einen "Bericht für die Polizei" (55), den wir quasi in Buchform lesen. Am Ende beschleichen den Erzähler jedoch Zweifel, an wen der Text adressiert ist: "Ich wollte es eben aufschreiben. Ich weiss, nicht für wen. Nur für mich vielleicht." (290) Und er gelangt dabei zu der Erkenntnis, dass es besser gewesen wäre, gar keinen "Fall" daraus zu machen: "Ich schweige. Es ist das, was ich von Anfang an hätte tun sollen. Meinen Mund halten." (290) Womit wir wieder bei Wittgenstein wären: Wovon man nicht sprechen kann ...

Das klingt alles an sich nicht sonderlich spektakulär, wenn die spezielle Erzählanlage nicht wäre: Es handelt sich nämlich um eine mindestens dreifache Nacherzählung, was dem Text zuweilen einen sanft Bernhardesken Anklang verleiht: Das erzählende Ich liest seinem Chef simultan seinen Bericht vor, der enthält, was er auf dem Polizeiposten rapportierte, wo er wiederum ausführlich zu Protokoll gab, was er Mira alles erzählte. Auf diese Weise werden drei Zeitebenen kunstvoll miteinander verschaltet, wobei das nicht überall ohne logischen Widerspruch aufgeht.

Dem Lesefrüchtchen wurde dieser Roman als eine bemerkenswerte Neuerscheinung in letzter Zeit empfohlen. Sonst wäre es vermutlich nicht auf den Gedanken gekommen, das Buch zu lesen, obschon das Motiv eines verschrobenen Bürolisten seine Sympathien findet und der namenlose Ich-Erzähler des Romans durchaus als verspäteter Nachfolger von Bartleby, dem Schreiber, gelten kann. Wo einen aber Melvilles Vorlage vor ein unergründliches Rätsel stellt, bleibt hier alles an der Oberfläche haften.

Und darin liegt die Schwäche des Romans: So vielversprechend sein erzähltechnischer Ansatz und die gewählte Thematik auch ist, in der Umsetzung fällt das Resultat allzu glatt, brav, ja (gerade bei den Sexszenen) furchtbar bieder, und vor allem sehr 'gemacht' bzw. konstruiert aus, was wohl auch daran liegt, dass es sich um einen Siegertext aus einem Schreibwettbewerb handelt. Sauberes Handwerk steht über dem literarischen Wagnis. Und das hinterlässt nach der Lektüre einen schalen Nachgeschmack.

Thomas Duarte: Was der Fall ist. Roman. Basel: Lenos Verlag, 2021.

Sonntag, 26. April 2020

Philip Kerr: Das Wittgenstein-Programm (1992)


Das Lesefrüchtchen gibt zu, dass es sich vom Titel der deutschen Übersetzung dieses Thrillers hat verleiten lassen, der im gewissen Mass eine Irreführung ist. Das englische Original heißt schlicht «A philosophical Investigation» und handelt auch nicht von einem Wittgenstein-, sondern von einem Lombroso-Programm, benannt nach dem italienischen Arzt und Psychiater Cesare Lombrso, der im 19. Jahrhundert kriminalpathologische Studien anstellte, um angeborene Verbrecher (delinquente nato) zu erkennen. Auf krimineller Früherkennung basiert auch das Lombroso-Programm des im Jahr 2013 spieldenden Thrillers. Die Handlung wurde also zwanzig Jahre in die Zukunft versetzt, wo es (à la Minority Report) medizinisch möglich ist, Männer mit potentiellem Gewaltpotential zu identifizieren und Präventivmassnahmen einzuleiten. Ihre Daten werden in einem Computersystem verwaltet, das jeder Person einen Decknamen aus der Philosophie- oder Literaturgeschichte gibt.

Eine davon bekam den Namen von Ludwig Wittgenstein, der - wie sich herausstellen wird – nicht nur ein besonderes Mass an krimineller Energie, sondern auch an technischem Know-how und kaltblütiger Logik besitzt. Wittgenstein gelingt es, das Computersystem zu hacken und an die echten Namen der Lombroso-Verdächtigen zu kommen, die er der Reihe nach – durch sechs gezielte Schüsse mit einer Luftdruckpistole in den Hinterkopf des Opfers – hinrichtet. So hat Wittgenstein u.a. Darwin, Byron, Kant, Thomas von Aquin, Spinoza, Keats, Locke, Charles Dickens, Betrand Russell und René Descartes auf dem Gewissen (nur bei Shakespeare gelingt es nicht, von diesem wird er verkloppt). Außerdem führt der Mörder eine Art Tagebuch, indem er – wie der historische Wittgenstein – zwei Hefte, ein blaues und ein braunes, verwendet. Ohnehin erscheint der Mörder nachgerade als Double des Philosophen, mit dem er nicht nur etliche körperliche und biographische Ähnlichkeiten teilt, sondern darüber hinaus aus Versatzstücken von Wittgensteins Werken ein logisch-philosophische Begründung seiner Taten entwickelt.

Einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhundert als Mörder? Eigentlich eine reizvolle Ausgangslage. Nur ist die Umsetzung in diesem Fall gar nicht gelungen, was nicht nur (aber auch) an der ziemlich miesen Übersetzung liegt. Allein dass der Roman, der ein beeindruckendes und aus heutiger Sicht auch ziemlich realitätsnahes Zukunftsbild entwirft, im Basisplot mit einer absurden Unwahrscheinlichkeit aufwartet, ist nur ärgerlich und stört das Lesevergnügen empfindlich: Es leuchtet partout nicht ein, weshalb ein willkürlich vom Computersystem als Wittgenstein benannter Kerl tatsächlich ein Wiedergänger des berühmten Philosophen sein soll. Das ist ein zu großer Zufall, als dass irgendwie glaubhaft wäre und er wird auch in keinster Weise glaubhaft gemacht. Das ist die große Schwachstelle der Plotkonstruktion, die dummerweise zugleich der zentrale Drehpunkt ist.

Auch sonst besitzt die Geschichte ihre Schwächen und Längen. Die philosophischen Ausführungen und der philosophische Disput, den Wittgenstein mit der Ermittlerin führt, sind nicht wirklich herausfordernd oder kühn, eher langweilig, auch wenn Thomas de Quincey und seine Gesellschaft der Connoisseure des Mords mit ihrem Interesse am perfekten Mord bemüht wird. Die Kommissarin bleibt als Gegenspielerin ihrerseits blass. Fast schon klischeehaft ist es, wie sie im Verlauf der Ermittlungen immer stärkere Faszination für den Mörder empfindet (dessen Ödipus-Komplex strukturell mit ihrem Vater- und Männerhass korrespondiert). Die Idee, dass hier eine junge, traumatisierte Detektivin in ein gefährliches Double-Bind mit einem intellektuell überlegenen Verbrecher gerät, ist allzu deutlich auf der Folie von Thomas Harris' Schweigen der Lämmer entworfen. Das Klischee kippt schließlich in puren Kitsch, wenn die Ermittlerin am Schluss echte Sympathie für Wittgenstein empfindet und ihm sogar eine Blume in die Strafanstalt vorbei bringt, bevor er dort für zwanzig Jahre ins «Strafkoma» versetzt wird, welches im Jahr 2013 als angeblich humaneres Strafmaß die Todesstrafe abgelöst hat.

Trotzdem hat der Roman den deutschen Krimipreis von 1995 gewonnen. Wie beim Wein sind wohl auch dort nicht alle Jahrgänge gleich gut.