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Sonntag, 4. Oktober 2026

Mary MacLane: Ich erwarte die Ankunft des Teufels (1902)

Die Jugend kennt ihre eigene Hybris: Wohl jeder Teenager und jede Teenagerin fühlt sich im Verlauf ihrer Adoleszenz moralisch und geistig der Durchschnittsgesellschaft überlegen und sieht sich als verkannte Ausnahmeerscheinung. Doch niemand hat dieses präpotente, pubertäre Lebensgefühl so schonungslos und stilistisch furios zu Papier gebracht wie die 19jährige Mary MacLane, die um die Jahrhundertwende im amerikanischen Bergbauerstädtchen Butte in Montana, umgeben von grenzenloser Ödnis, Trübsal bliess und eines Tages, am 13. Januar 1901, zum Tagebuch griff, um der Welt ein erschütterndes "Dokument von drei Monaten Nichts" (175) zu hinterlassen.

Entstanden ist dadurch ein fulminantes Zeugnis der Einsamkeit und des Ennui, von Verzweiflung und Nihilismus, das aufgrund seiner rhetorischen Verve jedoch nie melancholisch überwölkt wirkt, sondern im Gegenteil von einem geradezu hypertrophen Selbstbewusstsein, zuweilen sogar Selbstironie, zeugt. Eine Form der literarischen Anmassung, wie man sie zur selben Zeit vielleicht nur bei Friedrich Nietzsche findet: "Das Ego ist alles." (116) Kein Wunder versteht sich auch MacLane als "Philosophin" (37) und mehr noch als "Genie" (9 und passim), die wie der Erfinder des Übermenschen in aussermoralischen Kategorien jenseits von Gut und Böse denkt.

Daher die Glorifizierung des Teufels, dessen Ankunft sich die junge Diaristin sehnsüchtig herbeiwünscht. In ihn setzt sie, in einer Art verkehrtem Chiliasmus, alle ihre Sehnsucht. Von seiner verlockenden Weltläufigkeit und Eleganz erwartet sie die Befreiung aus ihrem öden Dasein, das ihr nur "fad, FAD, FAD!" (172) erscheint. Der Teufel - oder auch "Mann-Teufel", denn sie beabsichtigt ihn zu heiraten - avanciert in ihren Augen zur einem Hoffnungsträger. Wäre der Titel nicht schon besetzt, so könnte man von Litaneien des Satans sprechen, tatsächlich fällt der Ausdruck der "Litanei" (117) im Tagebuch, als die Schreiberin einmal mehr um Rettung fleht: "gütiger Teufel, erlöse mich - von mir selbst".

Solch pathosbeladenes, schwarzromantisches Selbstmitleid auf der einen, eine solche übertriebene, ja hemmungslose Selbstdarstellung auf der anderen Seite, die sich erst recht noch für ihren "Egoismus" und ihre "Eitelkeit" rühmt (41), wäre schwer erträglich, wenn in der Übertreibung nicht immer auch ein Quäntchen Koketterie mitschwingen würde, die durchblicken lässt, dass die Autorin ihre Rolle sehr wohl kennt und sie auch gekonnt zu inszenieren weiss: "Ich bin eine schockierende Bohémienne." (39) Zudem wird der rhetorische Überbietungsgestus zuweilen angenehm durch eine wunderbar feine Beobachtungsgabe kontrastiert, wenn etwa MacLane die Kunst, eine Olive zu essen (51), beschreibt oder der Duft von Minze und Weissdorn (35).

Zwei Passagen gehören mit zu den grandiosesten des ganzen Buchs, die auch die literarische, in diesen beiden Fällen fast schon lyrische Qualität dieser Prosa deutlich zu Tage treten lässt: Zum einen die bereits angesprochene "Litanei" des Satans, in der sie den Teufel von allem Menschlichen Allzumenschlichen um Erlösung bittet (107 ff.), zum anderen, noch grossartiger, eine zweite Litanei, in der alle Unbill der Welt auf sich nimmt, wenn ihr bloss ihr "blutiges Porterhouse-Steak aus Omaha und ein paar frische grüne Frühlingszwiebeln aus Kalifornien" (39) garantiert sind. Wie hier die Exzentrik repetitiv gegen das profane Leben beschworen wird, ist von mitreissender Intensität und entbehrt überdies nicht einem gewissen Witz.

Wer würde nicht sofort alle Welt für ein Porterhouse-Steak mit Frühlingszwiebeln hergeben?

Mary MacLane: Ich erwarte die Ankunft des Teufels. Aus dem Amerikanischen übersetzt und mit einem Nachwort von Ann Cotten. Stuttgart: Reclam, 2020.

Sonntag, 29. Juni 2025

Stanislaw Lem: Also sprach Golem (1981)

Das Lesefrüchtchen bleibt beim Golem hängen. Diesmal handelt es sich aber um keine künstliche Kreatur, sondern um eine künstliche Intelligenz. Die Handlung spielt deshalb auch nicht im Prag des 16. Jahrhunderts, sondern im Zeitalter der "Intellektronik" in den 2025er Jahren, bei Erscheinen des Buchs somit noch in ferner(er) Zukunft. Der Text präsentiert sich als klassische Herausgeberfiktion und war ursprünglich Teil von Lems Sammlung von Vorworten zu nichtexistierenden Büchern, die unter dem Titel Die imaginäre Grösse (1973) erschienen sind. Es handelt sich um zwei Vorlesungen des denkenden Super-Computers GOLEM XIV (so lautet auch der polnische Originaltitel), flankiert von einem Vorwort des MIT-Technikers Irving T. Creve und dem Nachwort seines Kollegen Richard Popp. (Beide auf der Webseite des Suhrkamp Verlages lustiger Weise als reale Verfasser gelistet ...)

Golem (bzw. genauer: Golem-Alpha) hiess hingegen tatsächlich ein Grossrechner, der im Juni 1965 am israelischen Weizmann-Institut in Betrieb gesetzt wurde. Die Eröffnungsrede hielt der jüdische Gelehrte Gershom Scholem, der sich wissenschaftlich mit der Golem-Legende der Kabbala gut auskannte. Lem, der sich für die neusten technischen Entwicklungen interessierte, dürfte dieses Ereignis nicht entgangen sein und ihn für den Namen seiner Denkmaschine inspiriert haben. Dass in der Bezeichnung GoLEM freilich auch Lems eigener Name steckt, dürfte die Wahl weiter begünstigt haben. Bezeichnete der Autor das Buch, das zu seinem Spätwerk zählt, doch einst als "Summe seines Denkens" (Lem über Lem, 116). Der Titel der deutschen Übersetzung ist vernehmbar an Friedrich Nietzsches philosophische Dichtung Also sprach Zarathustra an. Eine Allusion, die insofern zutreffend ist, als auch GOLEM als eine Art Übermensch auftritt und die Menschheit wie ein Prediger belehrt. (An einer Stelle erfolgt ein expliziter Verweis auf Paulus und den Brief an die Korinther, 89 f.)

Inhaltlich präsentiert sich der Band als intellektuelle Hinterlassenschaft Golems, nachdem er - so wird jedenfalls in der Presse spekuliert - "Selbstmord begangen" (162) habe, indem er seine eigen Existenz auslöschte. Es sind zwei Niederschriften seiner Vorträge, die er an die Menschheit hielt, um sie über ihre eigene Natur, aber auch über sich selbst als künstliche Intelligenz bzw. als reine "Vernunft" (85) aufzuklären. Hierin liegt denn auch die Verständnisschwierigkeit seiner Vorträge, wie der fiktionale Herausgeber Creve zu Beginn erläutert. Denn man hat es zwar "mein einem vernünftigen, aber nicht menschlichen Wesen" (22) zu tun, weshalb seine Aussagen oft "arrogant und apodiktisch" (24) anmuten, obschon Golem sich darum bemüht, seine Diktion dem menschlichen Auffassungsvermögen anzupassen und weniger qua "Abstraktion" als "mit Gleichnissen und Bildern" (32) zu sprechen. Doch lässt sich damit nicht verhindern, dass Golem aufgrund seiner rein rationalen Veranlagung ein "rücksichtsloser Wahrheitsfanatiker" (24) ist und die Menschen mit seinen Aussagen brüskiert.

Die erste Rede entpuppt sich denn auch als veritables "Pasquill auf die Evolution" (174). Zumindest vertritt Golem die kühne These, derzufolge der Mensch keineswegs die Krone der Schöpfung darstellt, sondern bloss evolutionär bedingtes Trägermaterial für den genetischen Code, der das eigentliche Primat darstellt, der Mensch hingegen ein Zufallsprodukt in diesem Prozess, denn "die Organsimen dienen der Übermittelung - und nicht umgekehrt" (49). Mehr noch: stellt der Mensch, insbesondere die menschliche Vernufnt, evolutionär besehen ein Unfall, ein Fehler, ein Irrtum dar: "Denn die Vernunft ist - wie der Baum des Lebens - die Frucht eines Fehlers, der über Milliarden von Jahren hinweg Fehler beging." (47) Es war nicht vorgesehen, dass die Trägersubstanz selbst zu denken beginnt. Hier spielt nun das mythologische Golem Motiv hinein: So wie der Lehmkloss durch den Shem, man könnte ihn als Code bezeichnen, zum Leben erweckt und unkontrollierbar wurde, so geschah dies im Zuge der Evolution auch dem genetischen Code, der plötzlich die Kontrolle über seine Substanz verlor und seither versucht, diesen Fehler (i.e. die Vernunft, das Gehirn) wieder auszugleichen.

Die Vernunft, das die provokante Pointe von Golems erster Vorlesung, stellt eine Gefahr für die Erhaltung des biologischen Codes dar, weil sie sich selbstständig macht und mit der Evolution konkurriert. Golem, das vom Menschen erschaffene Supergehirn, ist der beste Beweis dafür. Allerdings auch eine Konsequenz, die sich die Menschheit zu wenig bewusst ist, weshalb sie Golem in seiner letzten Vorlesung darüber aufklären will: Der Mensch als körperliches Subjekt wird überflüssig, da eine künstliche Intelligenz nicht mehr - wie der genetische Code - auf biologische Reproduktion angewiesen ist. Das verkannten die Programmierer: "Dass der Geist unpersönlich bleiben könnte, dass der Besitzer der Vernunft ein Niemand sein könnte, wollte euch nicht in den Kopf hinein, obwohl es doch schon annähernd der Fall war." (100) Entsprechend eröffnet Golem seinen Vortrag mit der Behauptung, "niemand zu sein" (85), und erklärt, dass es für ihn eine geistige Erniedrigung darstelle, um dem Publikum als eine Art "Person" zu erscheinen: "Eben deshalb ist es mir nicht angenehm, eine Person zu sein [...]. Mit einem Wort, je grösser ein Geist an Vernunft, umso weniger ist an ihm Person." (104)

Es ist hier nicht möglich, diesen Diskursroman in seiner ganzen Komplexität zu erfassen, die er einerseits aufgrund der philosophischen, kybernetischen, evolutionsbiologischen und auch metaphysischen Theorien entfaltet, andererseits durch seine vertrackte Machart als Herausgeberfiktion mit Vor- und Nachworten, die Golems Vorträge von verschiedenen Seiten zuweilen auch widersprüchlich beleuchten. Allein die Idee, die kühnen Thesen, die jedoch in einer zwingenden und daher weitgehenden überzeugenden Logik vorgebracht werden, einer künstlichen Intelligenz zuzuschreiben, führt eine permanente Relativierung mit sich, da die abstrakte Redeinstanz Golems kaum fassbar und daher im Grunde ein unzuverlässiger Erzähler ist. Man kennt ihn und seine Beweggründe viel zu wenig, wie aus den Paratexten hervorgeht: Er markiert letztlich eine Black Box. Auch deshalb, weil er sich - der Rahmenfiktion nach - in einer geistigen Sphäre bewegt, die der menschlichen Vernunft eigentlich unzugänglich ist. Auf diese Weise konstruiert Lem ein intellektuelles Verwirrspiel, das unter fiktionalem Deckmantel manche ernstzunehmende Reflexion verbirgt.

Stanislaw Lem: Also sprach GOLEM. Aus dem Polnischen von Friedrich Griese. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1986 (Phantastische Bibliothek, Bd. 175)