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Mittwoch, 14. Januar 2026

Gustave Flaubert: L'Éducation sentimentale (1869/79)

Die einen schwören auf Madame Bovary, die anderen auf die Éducation sentimentale, wo mit der Figur der Madame Arnoux ebenfalls eine Ehebrecherin, zumindest eine im Geiste, im Zentrum steht. Gustave Flauberts lange verkanntes Meisterwerk hat nun endlich auch das Lesefrüchtchen gelesen. Es ragte in seiner Modernität, sowohl was Sprache und Stil angeht als auch die Antihandlung, so kühn aus seiner Zeit, dass die meisten Kritiker mit Ablehnung darauf reagierten. Es bedurfte eines Marcel Proust, eines Walter Benjamin, eines Franz Kafka oder eines Robert Walser, die das Buch allesamt verehrten, um seine Grandiosität vor Augen zu führen. Die Éducation sentimentale markiert den Abschied vom traditionellen Erzählen: Weder gibt eine innere Entwicklung der Charaktere noch eine äussere der Ereignisse. Obschon der Roman von einer Unruhe geprägt ist, obschon alle und alles in einem ständigen Hin und Her in Bewegung bleibt, geht doch nichts wirklich vorwärts. Flaubert ist selbstverständlich nicht so (post)modern, dass er die als Form der Verweigerung zum Selbstzweck erklären würde. Ihm ging es um das Porträt seiner Epoche, das trotz politischer Wirren und sozialer Unbeständigkeit nicht wirklich Fortschritte erzielte. In einer Notiz im Arbeitsjournal Nr. 19 hält Flaubert als Plan des Buchs fest: "Zeigen, dass der Sentimentalismus (seine Entwicklung seit 1830) der Politik folgt in ihre Phasen nachbildet." (636)

Mit dem Begriff "Sentimentalismus" ist denn auch ein Fingerzeig gegeben, wie das "sentimentale" im Titel zu verstehen ist: Weniger wie in deutscher Bedeutung als empfindsam, rührselig oder zärtlich-romantisch - denn von solchen Emotionen finden sich im Roman tatsächlich herzlich wenig -, sondern allgemeiner und konzeptioneller gefasst: als (bürgerliche) Gefühlskultur, wie sie in den Normen und Werten einer Gesellschaft zum Ausdruck kommt. Und hier zeichnet Flaubert fürwahr das Sittenbild seiner Epoche, wo die Liebe nicht einfach nur eine persönliche Empfindung war, sondern quasi ein Risikokapital, das ebenso leichtfertig verspielt werden kann, wie es sich teuer erkauft werden muss, um die soziale Stellung zu festigen oder gar gesellschaftlich aufsteigen zu können. Es geht darum, durch die richtige Partie an vorteilhafte Posten zu gelangen. Die Spekulation dominiert nicht nur das Wirtschafts-, sondern auch das Privatleben, das weniger vom Gefühl, als eben von Wertvorstellungen geleitet wird. So wechselt Frédéric täppisch zwischen der sicheren Heirat mit seiner Nachbarin aus Jugendtagen, den verstiegenen Liaison mit Madame Dambreuse, der "leichten und fröhlichen Liebe" (284) zur Lorette Rosanette,  und der grossen, aber unerreichbaren Liebe zu Madame Arnoux hin und her, stets (aber vergeblich) darauf bedacht, dass die eine nie von den anderen erfährt.

Dabei beginnt die Geschichte wie ein (tragischer) Liebesroman - und handelt am Ende gewissermassen tatsächlich von einer verpassten Liebschaft. Auf einer Schifffahrt entdeckt der junge Frédéric die Frau seiner Träume. Die Schilderung lässt keinen Zweifel, dass es sich für ihn um eine Art Epiphanie handelt: "Es war wie eine Erscheinung." (13) Doch entwickelt sich daraus keine Romanze, sondern eine lange Strecke der Entbehrung, des Missverstehens und auch des Verzichts, nicht nur, weil es sich bei Madame Arnoux um eine (allerdings unglücklich) verheiratete Frau handelt, die als "sehr hübsch" (260) gilt. Vielmehr liegt es an Frédérics Wankelmut, andererseits auch an den Zeitumständen, die es verhindern, dass die heimliche Liebe sich bekennen kann. Ausser flüchtigen Annährungen und Zärtlichkeiten kommen sie sich nicht näher, was aber genügt, um Madame Arnoux' "Gesicht mit aller Röte des Ehebruchs" (365) zu entflammen. Als sie - gegen Ende des Romans - mit bereits ergrauten Haaren Frédéric unerwartet einen Besuch abstattet, ihr (wie es heisst) "letztes Wagnis als Frau" (570), können sie sich zwar endlich ihre Liebe gestehen, lassen das Momentum aber ungenutzt verstreichen: "Beide wussten einander nichts mehr zu sagen. Es gibt einen Augenblick im Auseinandergehen, da ist die geliebte Person nicht mehr bei uns." (570) Ein Satz, der mit einer Wucht trifft und das nüchterne Ende einer nicht gelebten Beziehung unterstreicht.

L'Éducation sentimentale ist der grosse Roman der Desillusionierung, der 'verkannten Liebe" und der 'enttäuschten Leidenschaften' (289). Wie viele Wünsche bleiben darin unerfüllt, wie viele Hoffnung gehen zu Grunde. Nicht nur die persönlichen, auch jene auf eine gesellschaftliche Neuordnung. Politisch spielt sich die Handlung vor dem Hintergrund der republikanischen Aufstände von 1848 und dem Staatsstreich von 1851 ab, der das jähe Ende der Zweiten Republik bedeutete. Beide historischen Daten markieren entscheidende Kulminationspunkte der Erzählung. Während in der Pariser Innenstadt die Revolutionsunruhen toben, wartet Frédéric vergeblich auf ein vereinbartes Tête-à-tête mit Madame Arnoux, das wahrscheinlich zum Ehebruch geführt hätte. Doch die Krankheit ihres Sohnes hält sie - als höhere Macht (wie sie selber glaubt) - vom Ehebruch ab, was Frédéric aber nicht wissen kann, weshalb er enttäuscht zur leichtlebigen Marschallin Rosanette - eine "Verruchte" (241) - geht, um sich an ihr schadlos zu halten, obschon sie mehrfach eine Annäherung zwischen Frédéric und Madame Arnoux vereitelt hat. Denn die Marschallin ist zugleich die Mätresse von Herrn Arnoux, der - als es deswegen einmal zum Ehekrach kommt - Frédéric als Liebhaber vorschützt, um sich buchstäblich aus der Affäre zu ziehen, und ihn damit in ein schlechtes Licht stellt. Ein anderes Mal platzt die Marschallin direkt in eine Vertraulichkeit zwischen Frédéric und Madame Arnoux, als sich einander "in einem langen Kuss" (484) umarmten. Auch diese Gelegenheit bleibt ungenutzt.

Aus der Affäre mit der Marschallin, mit der er während den Revolutionswirren in der Stadt unbeschwerte Tage auf dem Land verbringt, geht ein Sohn hervor. Frédéric sieht sich gezwungen, die Marschallin auszuhalten, während er bereits mit Madame Dambreuse anbandelt, obschon er keine echte Leidenschaft für sie empfindet, sondern "mehr denn je nach einer hohen Stellung in der Gesellschaft" strebte (505). So führt er ein "Doppelleben" (522) zwischen der verheimlichten Vaterschaft und der nicht weniger heimlichen Liebschaft mit Madame Dambreuse. Als ihr vermögender Mann stirbt, unterbreitet sie ihm einen Heiratsantrag, den er aufgrund der fortgeschrittenen Affäre nicht ablehnen kann, selbst dann nicht mehr, als sich herausstellt, dass ihr Mann heimlich das Testament zu ihren Ungunsten abgeändert hat. Madame Dambreuse entwickelt in der Folge eine Eifersucht auf Frédéric. Sie vermeint sein Doppelleben gelte Madame Arnoux und sie beschliesst, sich auf subtile Weise zu rächen. Hier kommt es zu einer weiteren Überblendung von privater und politischer Geschichte: Am Tag des Staatsstreichs, der die Zweite Republik wieder auflöst, besuchen sie das Auktionshaus, in dem die Habseligkeiten des inzwischen verarmten Ehepaars Arnoux veräussert werden. Um Frédéric zu demütigen, ersteigert die Dambreuse eine Schatulle, die ehemals Madame Arnoux gehört. Empört entschliesst sich Frédéric in "völliger Zerschlagenheit" (561) gegen die Heirat und kehrt Paris enttäuscht den Rücken: "Die öffentlichen Angelegenheiten liessen ihn gleichgültig, zu sehr war mit seinen eigenen beschäftigt." (561)

Der Roman endet mit einer Jugendreminiszenz, auf die zu Beginn des Romans bereits kurz angespielt wird und somit eine Art Klammer der Erzählung bildet: Geschildert wird wie Frédéric mit seinem Freund Deslauriers in Jünglingsjahren ins Bordell der Zoraïde Turc gehen, dort aber überrumpelt vor so viel käuflicher Liebe wieder Reissaus nehmen: "mit einem einzigen Blick so viele Frauen verfügbar zu sehen, erschütterten ihn dermassen, dass er ganz blass wurde" (576). Dennoch verbreitete sich in der Gegend das Gerücht, die beiden hätte sich dort verlustiert, was sie in der Folge gar nicht in Abrede stellten, sondern die Sache ihrerseits "wortreich" ausschmückten. Doch in dieser zu einer Heldentat umerzählten Schlappe liegt noch nicht die eigentliche Pointe des Schlusses. Sie liegt darin, dass beide in späten Jahren zur Einsicht gelangen: "Für uns war's im Leben das beste!" (576) In diesem Satz steckt die ganze Abgründigkeit des Romans (und weist damit bereits auf das ernüchternde Ende von Bouvard und Pécuchet voraus): Nicht allein, dass ein Nicht-Ereignis zum Besten erkoren wird, mehr noch, dass seit dieser vertanen Jugendsünde in ihrem Leben sich nichts Besseres ereignet haben soll, ist eine ungeheuerliche Aussage. Wie armselig, leer und trostlos muss ein Leben verlaufen sein, um eine solch niederschmetternde Bilanz zu ziehen! Nichts anderes führt uns der Roman vor Augen: Eine permanente Abfolge verpasster Gelegenheiten.

Flaubert ist ein Meister der Auslassung und Aussparung. Er erklärt nie zu viel, sondern bleibt vielsagend in der sparsamen Andeutung. Die grösste Leerstelle, die Marcel Proust so begeistert hat, findet sich am Schluss, wo mit dem simplen Satz "Er reiste." (365) eine grosse Zeitspanne überschlagen und damit ohne viele Worte zum Ausdruck gebracht wird, das sich nichts Nennenswertes mehr ereignete. Zugleich seziert der Autor fast auf naturwissenschaftliche Weise das Gefühlsleben der Protagonisten bis auf die kleinsten, sich oft widersprechenden Regungen, die manchmal abrupt von grösster Leidenschaft in tiefste Abscheu wechseln können. Daraus gewinnt der Roman seine nervöse Unruhe, die das Zeitgeschehen auch sprachlich auf die Erzählebene überträgt. So ist ihm ein Gesellschafts-, ja Epochenroman geglückt von zuweilen satirischer, ja sarkastischer Schärfe. Die handelnden Figuren - der Bohemien Hussonnet, der Citoyen Regimbart, der Künstler Pellerin, der Schauspieler Delmar oder die "hässliche" (348) Feministin Vatnaz - gleichen eher Karikaturen ihrer selbst und scheinen zuweilen direkt aus Bruyères Charakteren rekrutiert. Trotz aller Trostlosigkeit und Niedertracht, die der Roman in grossen Zügen zeichnet, besitzt er in den Detailschilderungen eine humoristische Note. Allein die Episode mit dem verhinderten Duell - einmal mehr ein Nichtereignis -, weil der Herausforderer, der windige Vicomte Cisy, aus Angst in Ohnmacht fällt, ist ein Glanzstück literarischer Slapstick-Komik. 

Gustave Flaubert: Lehrjahre der Männlichkeit. Geschichte einer Jugend. Herausgegeben und übersetzt von Elisabeth Edl. München: Carl Hanser Verlag, 2020.

Bemerkenswerter Satz des Buchs als Beispiel für den schonungslosen Sarkasmus: "Das Herz der Frauen ist wie ein Geheimschränkchen voll verschachtelter Schubladen; man plagt sich, man bricht sich die Fingernägel, und man findet zuhinterst irgendeine vertrocknete Blume, ein bisschen Staub - oder Leere!" (525)

Dienstag, 21. März 2017

Robert Walser: Jakob von Gunten (1909)

Auch wenn das Lesefrüchtchen der bedingungslosen Walser-Verehrung, die jede Mikrogramm-Kapriole als neuen Geniestreich feiert, mit bedenklicher Skepsis begegnet – eines muss man lassen: Jakob von Gunten (1909) ist ein grandioser Roman, der in einer Linie steht mit Klassikern der Moderne wie Melvilles Bartleby, dem Buch der Unruhe von Pessoa oder Flauberts Bouvard & Pecuchet. Alle diese Bücher warten mit scheiternden, sich verweigernden oder zurückziehenden Antihelden auf, von denen vordergründig auch Jakob einer ist. Erklärt er doch gleich zu Beginn, er wolle im Leben nichts anderes als eine zierliche, kugelrunde Null“ werden. Die fast schon provokative Nonchalance, mit der dieser invertierte Karrierewunsch geäußert wird, lässt aber bereits erahnen, dass es mit Jakobs Bescheidenheit nicht weit her ist, und sich vielmehr ein ausgewaschenes Grossmaul hinter der Parole der Selbstverkleinerung verbirgt.

Der im Untertitel als „Tagebuch“ deklarierte Roman schildert aus der Sicht von Jakob seinen Eintritt und Aufenthalt im Institut Benjamenta, einer merkwürdigen und ziemlich maroden Knabenschule, die ihre Glanzzeiten längst hinter sich hat. Jedenfalls erfährt der Leser mit der ersten Zeile, dass die Zöglinge dieses Instituts fast nichts lernen, weil alle Lehrer entweder fort, tot oder am Schlafen sind. Der Unterricht, der aufgrund der absenten Lehrerschaft von der Schwester des Vorstehers gehalten wird, beläuft sich auf inhaltsleere Exerzitien, die entfernt an monastische Meditationsrituale erinnern. Mit Eintritt von Jakob gerät die Organisation gänzlich aus den Fugen und das Institut geht seinem Untergang entgegen: „Du bist der letzte Schüler gewesen. Ich nehme keine Zöglinge mehr an“, sagt der Vorsteher, bevor er am Ende die Pforten schließt.

Wenn nicht unbedingt eine apokalyptische, so ist Jakob doch eine ganz und gar subversive Figur, die sich lustvoll über die gesellschaftlichen und institutionellen Schranken hinwegsetzt. Für Irritationen sorgt bereits, dass er sich, obwohl (wie er mehrfach betont) aus vornehmen Hause stammend, in der Knabenschule zum Diener ausbilden will. Er wählt also vorsätzlich, doch nur vordergründig einen sozialen Abstieg auf subalterne Stufe, denn insgeheim kokettiert er mit einer mondänen Existenz, wie sie sein Dandy-Bruder, der Künstler Johann, in der Großstadt verwirklicht. So legt Jakob auch im Institut öfters ein hochmütiges, ja freches Gebaren zu Tage, eigens um den Vorsteher zu provozieren. Doch anstatt zum Konflikt kommt es schließlich zu einer Art Verbrüderung zwischen ihm und seinem Schüler. Das Buch endet mit dem Bild, wie beide gemeinsam in die Wüste ziehen: „Ich war immer der Knappe, und der Vorsteher war der Ritter.“ Unverkennbar zeichnet sich da die Silhouette von Don Quijote mit seinem Begleiter Sancho Pansa ab. So liest sich der Roman rückwärts auch als eine moderne Donquijotiade. 

Jakob von Gunten ist Robert Walsers dritter und – im Vergleich mit den beiden Vorgängern – merklich surrealster Roman. Nicht allein, weil er sich einer konventionellen Handlungsführung relativ konsequent verweigert. Mit dem Institut Benjamenta scheint man auch eine Parallel- oder Traumwelt zu betreten, in der die gewohnte Alltagslogik außer Kraft gesetzt wird. Tatsächlich hintersinnt sich Jakob mehrmals, ob er nicht etwa alles nur träume, mehr noch kommt ihm sein „ganzer hiesiger Aufenthalt wie ein unverständlicher Traum“ vor. Unverständlich ist vieles, aber zugleich alles auch ungeheuer bedeutungsschwanger. Allein die zahlreichen biblischen Sub- und Intertexte rufen geradezu nach einer Interpretation. Doch vielleicht ist man am besten beraten, wenn man es wie Jakob mit seinen Träumen hält: „Ah bah, laß das Deuten.“ Auf der anderen Seite ist der Roman wieder so durchtrieben komponiert, dass wohl tatsächlich nichts unbedeutend ist und selbst dem scheinbar belanglosen Detail ein Sinn abzugewinnen wäre. Wie auch immer: Auf jeden Fall handelt es sich um jene Kategorie von Romanen, die nie ausgelesen werden können, weil sie bei jeder Lektüre wieder neue Einsichten eröffnen.

Samstag, 25. Februar 2017

Joseph Breitbach: Das blaue Bidet oder das eigentliche Leben (1978)

Dieser Roman ist ein so frischer und frivoler Altersroman, dass man es erst gar nicht glauben will, dass der Autor ihn im hohen Alter von 75 Jahren, das heißt unterdessen vor gut 40 Jahren, geschrieben hat. Keine einzige Zeile klingt verstaubt. Auch heute nicht. Vielmehr zeichnet sich der Text durch eine narrative Vitalität und erzählerische Verve aus, die seinesgleichen sucht. Der Roman besticht nicht durch hohen Stil, sondern durch eine klare, flüssige Erzählweise, die keine Experimente wagt, sondern von solider Könnerschaft zeugt. Kein Satz ist missglückt, auch wenn nicht jeder Satz zwingend notwendig erscheint. Das einzige, was man dem Buch vorwerfen könne, sind gewisse Längen und Dehnungen.

Zum Inhalt: Jean Barbe, ein 60jähriger Unternehmer und Produzent von Qualitätsknöpfen, beschließt vor der befürchteten Sozialisierung des Arbeitsmarktes seine Firma zu verkaufen und endlich das ›eigentliche‹ Leben zu führen: »Ich will endlich einmal zu mir selbst kommen! [...] Das Eigentliche, danach dürstet mich. Das uneigentliche Dasein, mein bisheriges, lohnt sich nicht mehr, seitdem Produktivität Schinderei der Arbeitnehmer, Besitz Diebstahl, kurz: seitdem der Inhalt meiner Existenz, nach einem bereits allgemein geteilten Urteil, Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ist.«

Auf seinem Gang in das neue freie Leben begegnet er aber just dem jungen Marxisten Ferdinand Malis, einem Studenten, den er als Fahrer für seine Reise in den Süden anheuern will. Obwohl Malis von Barbe nachhaltig irritiert, ja sogar abgestoßen ist, geht er den Deal ein, weil es für ihn erstens eine willkommene Gelegenheit ist, die Trennung von seiner Freundin zu verschmerzen, zweitens den kapitalistischen Klassenfeind einer Realanalyse zu unterziehen und last but not least auch deshalb, weil - Ironie - ein ordentliches Gehalt winkt.

Was wir als Leser somit serviert bekommen, sind seine »Beobachtungen an einem Kapitalisten«, zumal Malis im 19. Kapitel auch auf relativ spektakuläre Weise als neuer Erzähler eingeführt wird, nachdem die Geschichte zunächst durch eine personal an Barbe gebundene Erzählstimme wiedergegeben wurde. Es kommt deshalb, in dem ansonsten schnörkellosen Text zu einer auffälligen metanarrativen Bruchstelle, an der Malis als Erzähler das Wort ergreift:

»Ich bin es, der jetzt hier die Feder führt; im Einverständnis mit dem Autor werde ich mich bemühen, daß der Leser auf eine ihn nicht ärgernde, bequeme Weise erfahre, wie ich Barbe kennenlernte und welche Rolle dieser Sechzigjährige in meinem Leben spielen sollte.«

Es gehört als zum Kniff der Erzählanlage, dass der Kapitalist Barbe aus der Optik des Jungmarxisten Malis geschildert wird. Während Barbe zu Beginn als eher tolpatschiger und weltfremder Kauz in Erscheinung tritt (was ür allerhand slapstickartige Episoden sorgt), gewinnt er aus der Perspektive von Malis vermehrt großtuerische Züge, die dennoch nicht frei von Verschrobenheit sind. Im Gegenteil: Barbe erweist sich als geradezu kapriziöser, impulsiver, ja obsessiver (und darüber hinaus auch hochgradig erotomaner) Charakter, dessen Eigentümlichkeiten in der besonderen Vorliebe für Bidets gipfelt.

Im Bidet sieht er (auch für den Mann!) das Wahrzeichen der körperlichen Hygiene. Von dieser Ansicht lässt sich Malis am Ende ebenso überzeugen, wie er den wortreich dargebrachten Argumenten des Kapitalisten Barbe über den Egoismus als Triebkraft der menschlichen Natur streckenweise recht geben muss. Die Geschichte endet mit der Bilanz: »Ich fürchte, geblieben ist die Einsicht in seine einmal so hart geäußerte Meinung, daß wir uns alle viel gleichgültiger seien als wir es uns eingestehen wollten, und daß es die eigenen Interessen seien, die unser Fühlen, Denken und Handeln bestimmten, wie bewußt oder unbewußt auch imer wir diese verbrämten.«

Der Roman ist jedoch alles andere als ein theoretischer Schlagabtausch zwischen Kapitalismus und Sozialismus, auch wenn die hin und wieder vorgebrachten Reden und Gegenreden der Protagonisten etwas stark nach Denkschablone geschrieben sind. Im Vordergrund stehen die skurrile Figur Barbes und die durch seinen Eigensinn ausgelösten Skandale und Missverständnisse, gemäß dem von Chamfort vorangestellte Motto: »Der Eigensinn vertritt den Charakter ungefähr so, wie das Temperament die Liebe vertritt.«

Es ist eine Art Pikaroroman in modernem Gewand, hochkomisch, zuweilen derb, wie es sich für dieses Genre gehört (ein Höhepunkt bildet der kollektive Puffbesuch im Khedive mit anschließender Prügelei). Und natürlich scheint im Zweigespann vom närrischen Barbe und seinem mitschreibenden Begleiter Malis auch das literarische Vorbild von Don Quijote und Sancho Pansa durch. Gleich zu Beginn des Romans wird zudem ein anderer, sehr deutlicher intertextueller Verweis gesetzt, wenn fast beiläufig gesagt wird, Barbe habe sein Knopfgeschäft von der Familie »Bouvard und Pécuchet« übernommen.

Wie diese beiden Antihelden bei Flaubert ausziehen, um alle Wissenschaften zu erkunden, so lässt Barbe alles hinter sich, um sich in bare Leben zu stürzen. Während die beiden Kopisten Bouvard und Pécuchet am Ende ihres Kursus jedoch wieder enttäuscht in die Schreibstube zurückkehren, endet Barbes Ausflug tödlich: Er wird, Opfer seines überschäumenden Lebens- und Liebestriebs, in Tunesien aus Rachsucht niedergestochen von der schönen Fatima. So findet eine groteske Existenz ihren grotesken Abgang...

Auch wenn sich Barbe – steckt in diesem Namen vielleicht eine Kurzform von Barbar? – oft als Wüstling oder Soziophat verhält, faszinierend am Roman ist, dass er in keiner Sekunde unsympathisch wirkt, vielleicht gerade weil er im Grunde eine erzarchaische Figur ist, ein Saftkerl wie viele Schelme der Weltliteratur, die Dinge an- und aussprechen, die man sich gemeinhin nicht zu sagen wagt. Beispiel gefälligst: »Acht Tage Enthaltsamkeit, wem platze da nicht der Sack!«