Donnerstag, 28. Mai 2026

Fritz von Herzmanovsky-Orlando: Der Gaulschreck im Rosennetz (1928)

Fritz von Herzmanovsky-Orlando war, wie man so schön sagt, ein Original. Der studierte Architekt gab seinen Beruf aufgrund eines chronischen Lungenleidens auf und widmete sich fortan als Privatier dem Zeichnen und der Schriftstellerei. 1928 erschien mit Der Gaulschreck im Rosennetz der erste Teil seiner österreichischen Trilogie als einziges zu Lebzeiten veröffentlichtes Werk. Der Hauptteil seiner Schriften erschien erst postum in einer von Friedrich Torberg stark bearbeiteten und teilweise gekürzten Edition, liegt mittlerweile jedoch in einer soliden, textgetreuen Werkausgabe vor.

Wie alle Texte Herzmanovskys lebt auch Der Gaulschreck im Rosennetz vom Einfallsreichtum und Sprachwitz, die hier aber noch im Dienste eines überschaubaren, im Grunde recht simplen Plots stehen. Im Zentrum des Geschehens steht der unglückliche Galant Jaromir Edler von Eynhuf, seines Zeichens "Hofsekretär und Herzensbrecher" (46) - wie sein Name schon andeutet, ein faunisches Naturell. Sein erotisches Begehren richtet sich nach verschiedenen Seiten, doch hadert Eynhuf mit dem Entscheid, wer die bessere Partie wäre: die Tochter des Hofzwergs Zumpi oder doch das Annerl Zisch. Und da ist auch noch die schillernde Primadonna der Staatsoper, die "Höllteufel", eine - auch hier ist der Name sprechend - Femme fatale, der Eynhuf auf tragische Weise verfällt.

Der Hofsekretär pflegt ein kapriziöses Hobby: er stellt eine Sammlung von weiblichen Milchzähnen zusammen, die er dem Kaiser als Geschenk überreichen will. Nur ein Zahn fehlt ihm noch und es soll derjenige der "Höllteufel" sein. Nur stellt sich die Frage, wie sich ihr nähern, ohne die Standesgrenzen zu verletzen und ihren "offiziellen Galan", den Hofselcher und "Schmachtprotz" (65) Würstl zu brüskieren. Da rät ihm sein Freund Grosskopf, als "riesengrosser Schmetterling" verkleidet an den Maskenball zu gehen. Auf diese Weise errege er ihre Aufmerksamkeit und könne dann gleich die Flügel zu einem "Schamber separeh" (Chambre separée) für ein trautes Zwiegespräch zusammenschlagen (43).

Gesagt, getan, und Eynhuf erscheint tatsächlich als gigantischer Flattermann am Ball. Der Plan kann natürlich nur schiefgehen. Die als "Rosenbukett" (65) kostümierte Sängerin versteht überhaupt nicht, was er von ihr will, als er um das "Milchzahnderln" (66) bittet, und sie erteilt dem noch nach Leim stinkenden Schmetterling eine Abfuhr. Enttäuscht und obendrein noch gedemütigt von Würstl - "I schamet mi, Saumagen, quadrillierter!" (66) - zieht Eynhuf von dannen, macht auf dem Heimweg in seinem grotesken Kostüm gleich alle Pferde scheu, so dass ein riesiger Tumult entsteht. Seither fürchtet der Hofsekretär als "Gaulschreck" erkannt zu werden, während sich immer mehr ins Rosennetz der von ihm angebeteten Demoiselle Höllteufel verstrickt. 

Es ist von beträchtlicher Komik, wie der "trostlose Amant" (82) in ständig wechselnder Verkleidung ihre Wohnung observiert, bis er von seinem Freund dem Rat Grosskopf zufällig entdeckt wird. Dieser schleppt Eynhuf zu einer alten Hebamme, die ihm einen Liebestrank zu mischen verspricht. Um der Höllteufel das Aphrodisiakum unbemerkt einzuflössen, bandelt Eynhuf mit ihrer Zofe Ludmilla an, die sich - das ist die Ironie der Geschichte - Hals über Kopf in ihn verliebt, was Eynhuf wiederum tunlichst vermeiden will, weil eine Beziehung zu einer einfachen Zofe unter seiner Standeswürde ist. Als sie ihn sonntags zum Prater schleppt, sieht er sich dort in aller Öffentlichkeit als "Liebestantalus aufs Ixionsrad des Vergnügens geflochten" (96).

Schliesslich entdeckt auch die Höllteufel die Liaison, womit für Eynhuf jede Hoffnung zerbricht. In letzter Verzweiflung will er seine Milchzahnsammlung vollenden, indem er sich von der Hebamme ein halbwüchsiges Mädchen zuführen lässt, dem er mit einem tüchtigen "Kopfstückel" (123) den Zahn ausschlägt. Doch just in diesem Moment stürmt eine Razzia das Bordell. Eynhuf flieht und nimmt sich zuhause angekommen das Leben ... Auch wenn die Roman mit Eynhufs Selbstmord tragisch endet, ist er kein Kind von Traurigkeit, sondern gehört zu den humoristischen Werken der Extraklasse. Eine frivole Posse voll mit schrägen Figuren, Sprach- und Situationskomik und viel Wiener Schmäh. Man kann sich leicht vorstellen, wie sich die gehobenen Kreise über dieses skurrile Altwiener Sittengemälde köstlich amüsiert haben. 

Fritz von Herzmanovsky-Orlando: Das Gesamtwerk in einem Band. Herausgegeben und bearbeitet von Friedrich Torberg. München, Wien: Langen Müller, 1963.

Montag, 25. Mai 2026

Joseph Roth: Radetzkymarsch (1932)

Der Radetzkymarsch kennt jedes Kind. Das prägnante Kopfthema setzt sich sofort im Ohr fest. Aber nicht nur musikalisch, auch auf symbolischer Ebene besticht der Marsch. Das von Johann Strauss für den Feldmarschall Graf Radetzky komponierte Stück galt lange Zeit als inoffizielle Hymne Österreich-Ungarns. Kein Wunder benannte Joseph Roth seinen Epochenroman über den Niedergang der Donaumonarchie nach diesem signifikanten Musikstück, das verschiedentlich im Roman anklingt, v.a. aber regelmässig auf dem Platz unter dem Balkon des Bezirkhauptmanns Trotta, wo die Militärkapelle jeden Sonntag aufzuspielen pflegt und das Konzert traditionsgemäss mit dem Radetzkymarsch beginnt, wobei der Kapellmeister besonderen Wert darauf legt, den Taktstock selbst zu schwingen: "die lässige Gewohnheit anderer Musikkapellmeister, den ersten Marsch vom Musikfeldwebel dirigieren zu lassen [...], hielt Nachwal für ein deutliches Anzeichen des Untergang der kaiserlichen und königlichen Monarchie." (28) In diesem Satz klingt bereits an, dass das Habsburgerreich marode geworden ist.

Der Roman spielt zur Zeit des legendären Kaisers Franz Joseph, der mit insgesamt 68 Regierungsjahren zu den am längsten amtierenden Staatsoberhäuptern gehörte. Seine schier ewige Lebenszeit umfasst drei Generationen der Trottas, eines Geschlechts von slowenischen Bauern, die im Zentrum des Geschehens stehen: Joseph Trotta, der dem Kaiser bei der Schlacht von Solferino das Leben rettete und deshalb in den Adelsstand aufrückte. Dieses Ereignis lastet seither als tonnenschwere Bürde über dem Geschlecht der Trottas, symbolisiert in einer "senkrechten Furche zwischen Nase und Stirn" als "Erbteil als Helden von Solferino" (53). Sein Sohn ist Franz von Trotta, der eine Beamtenlaufbahn als Bezirkshauptmann einschlug und dem Kaiser mit den Jahren immer ähnlicher sieht. Der jüngste Spross heisst Carl Joseph Trotta, der es zum Stolz seines Vaters zwar in den Rang eines Leutnants schafft, ansonsten aber einen unsteten Lebenswandel pflegt, der den Niedergang nicht nur der Familie Trotta, sondern auch des Kaiserreichs andeutet. Er ist, wie es einmal heisst, "ein Werkzeug in der Hand des Unglücks" (115). 

Obschon ihn der Junior fortlaufend enttäuscht, versucht Franz Trotta seinen Sohn aus allen Schlamassel zu befreien, um die Familienehre aufrecht zu erhalten. Um zu verhindern, dass "der Name der Trottas entehrt und geschändet würde" (261), wird der Bezirkshauptmann sogar beim Kaiser vorstellig. Es geht ihm nicht nur um die Würde seines Sohn, sondern mehr noch um die "Sache des Vaterlandes" (270), das aus seiner Sicht direkt mit dem Geschick der Trottas zusammenhängt. Dabei handelt es sich um den zweiten Bittgang der Trottas. Bereits der "Held von Solferino" sprach nach seiner Heldentat einst beim Kaiser vor, weil er sie in den Geschichtsbüchern nicht korrekt wiedergegeben fand. An diese "Audienz mit dem merkwürdigen Hauptmann" (274) erinnert sich der Kaiser wieder, als nun dessen Sohn vor ihm steht, der für seinen Sohn um Gnade bittet. Wie "zwei Brüder" (275) begegnen sich Franz Trotta und der Kaiser und scheinen für einen Moment ihre Identität zu tauschen: "Und der andere glaubte, er hätte sich in den Kaiser verwandelt." (275)

Doch hilft letztlich auch diese Annäherung nichts. Trotta junior stirbt auf unrühmliche Weise, nicht einmal auf dem Schlachtfeld. Während sein Grossvater, der "Held von Solferino", dessen symbolisches Erbe sich drückend über den Nachkommen legt, einst heroisch vor den Kaiser warf, um den feindlichen Schuss abzufangen, wird der leichtsinnige Carl Joseph, der innerlich längst desertiert ist, schlichtweg beim Wasserholen erschossen. Über diese Schmach kommt sein Vater Franz nicht mehr hinweg. Fortan wackelt sein Kopf ununterbrochen, wenn er daran denkt, wie der jähe Aufstieg der Trottas ebenso rasch wieder nach unten führte: "Sein Sohn war tot. Sein Amt war beendet. Seine Welt war untergegangen." (315) Folgerichtig stirbt alsbald auch der greise Kaiser, denn: "Der Kaiser kann die Trottas nicht überleben!" (319) Und drei Tage später scheidet auch der Bezirkshauptmann dahin mit dem Bild seines Vaters, des "Helden von Solferino" in den Armen. Beide, sowohl der Kaiser als auch Franz Trotta, so spekuliert der Arzt am Schluss, konnten "Österreich nicht überleben" (323).

So verknüpft Roth erbarmungslos den Niedergang eines Geschlechts mit dem Untergang des Kaiserreichs. Joseph Roth ist ein Autor mit Schneid und Schmiss. Da steht kein Wort zu wenig, aber auch keines zu viel. Die sparsame, aber präzise Beschreibung ist sprechender als lange auktoriale Erläuterungen. Oft reicht ein apartes Detail wie der Rotztropfen an der Nase des Kaisers (223), um eine Figur oder eine Situation zu charakterisieren. Der Erzähler bleibt meist an der Oberfläche des Geschehens, lässt dadurch aber tief blicken. Denn Roth ist ein Meister der psychologischen Beobachtung, ohne zu psychologisieren. Grossartig etwa der Mittagstisch bei Franz von Trotta mit dem peniblen Ritual, an das sich alle krampfhaft halten. Oder die Szene als dem Sohn Carl Joseph schlagartig klar wird, dass seine Affäre mit der Frau des Wachtmeisters Slama nicht nur dem Gehörnten, sondern auch seinem Vater längst bekannt war, und er die Schmach und Strafe empfindet, ohne dass darüber je ein einziges Wort verloren würde.
Roth weiss natürlich, was er kann. Deshalb heisst es einmal höhnisch, dass zwar "viel Wahres aus der lebendigen Welt in schlechten Büchern abgeschrieben" sei - "nur eben schlecht abgeschrieben" (260).

Joseph Roth: Radetzkymarsch. Roman, in: Romane und Erzählungen. Zweiter Band. Zürich: Buchclub Ex Libris, 1984.

Mittwoch, 13. Mai 2026

Franzobel: Scala Santa (2000)

Nach der Himmelpfortgasse noch ein Wien-Roman. Und was für einer. Franzobel hat seinen Doderer offenbar gelesen, dessen "Strudlhofstiege" (247) an einer Stelle sogar kurz erwähnt wird, an die der Titel Scala Santa, auf deutsch: "heilige Stiege" (300), offenbar augenzwinkernd angelehnt ist. Wie Doderer so entfaltet auch Franzobel in seinem Roman ein Gesellschaftspanorama mit einem zunächst unüberblickbaren Personenarsenal, wie eine der Steinskulpturen bei der Scala Santa, aus deren Warte die Geschichte erzählt wird, feststellen muss: "Ich kenne mich ja jetzt schon nicht mehr aus. Viel zu viele Personen kommen vor." (30)

Es sind viele Figuren und sie tragen merkwürdige Namen wie: Florian Ziegelböck, Bruno Scheidewasser, Zdenko Faulhaber, Heinrich Gerngross, Valentina Buschenpelz, Ludovica Hasentütl, Klementine Zitzelfeigler, Kathi Gabelfrühstück, Sixtus Ponstingl-Ribisl u.v.m. Nur die im Untertitel -Josefine Wurznbachers Höhepunkt - erwähnte Figur taucht im Roman gar nicht auf, sie legt lediglich die Fährte auf den - neben der Strudlhofstiege zweiten - zugrunde liegenden Prätext, auf die von (vermutlich) Felix Salten, ja, dem Bambi-Salten, 1906 anonym publizierten Skandalmemoiren einer Wiener Dirne namens Josefine Mutzenbacher.

Entsprechend wimmelt es im Roman von sexuellen Neurosen, Obsessionen und Perversionen, wobei Franzobel in seinen Karikaturen keinen Halt vor delikaten Bereichen wie Pädophilie, Päderastie und Nekrophilie, Lustmord sowie klerikalen Versündigungen macht. Auch eine "komplizierte Wissenschaft" der "Popologie" (178) wird fachmännisch ausgebreitet. Alle Figuren hängen irgendwie miteinander zusammen, Knotenpunkte bilden das Fotogeschäft von Ziegelböck, in dem die heissbegehrten Bilder der Cornetti und der Bussi-Bussi-Frau aushängen, sowie der Sexshop vom Feisten Fridolin. Das Geschehen kulminiert dann in Rom auf der Scala Santa, wo sich die Gebete der Knienden, innere Monologe und verschiedene Sexualpraktiken zu einem polyphonen Stimmengewirr vermischen.

Und irgendwie geht es in dem ganzen bumsfidelen Getümmel auch um einen Kriminalfall, den der Kommissar Ponstingl-Ribisel lösen muss. Gleich zu Beginn wird auf dem fiktiven "Kalauerplatz" (13) in Wien ein Italiener erschossen, der sich die seltsamen Worte "Atnasal Ascal" (41) unter die Achselhöhle tätowiert hat. Leicht erkennbar verbirgt sich dahinter das "Palindrom" des Romantitels. Das - wie auch der Name "Kalauerplatz" - deutet schon daraufhin, dass hier in erster Linie die Sprache und ihre Kapriolen im Zentrum steht und die Auflösung des Mordfalls eher Nebensache bleibt. Oder wie es in Verballhornung der berühmten Formel l'art pour l'art am Ende heisst: "L'mort pour l'mort" (393).

Tatsächlich besticht der Roman durch die aberrante narrative Originalität, die aus dem Vollen schöpft und seitenweise unerwartete Vergleiche und schräge Metaphern - z.B. die Beichte als "Böse-Gedanken-Scheissen" (79) oder Vibratoren als "Herzschrittmacher für die Fut" (124) - aneinanderreiht, mal derb und ordinär, dann wieder hochkomisch ist, jedenfalls eine stupende sprachliche Verfügungsmacht beweist, ohne aber dass es anmassend oder erzwungen wirkt, dem Ganzen aber einen frivolen Unernst verleiht. Vielleicht ist diese demonstrativ zur Schau gestellte erzählerische Omnipotenz insgesamt des Guten einen Tick zu viel. Andererseits legt der Roman unentwegt zahlreiche Spuren und Verweise, die einen höheren Sinnzusammenhang suggerieren.

Etwa die gleich zu Beginn erwähnte Legende von Enrico Santopadre, der bei der Umstellung auf den Julianischen Kalender in einem "Zeitloch" (12) verschwunden sei, am Schluss des Romans indes wieder "als alter, weisshaariger Aufpasser" (392) bei der Scala Santa auftritt, wo er von seinem "Logenplatz" das Finale genüsslich betrachtet, dessen "Fäden" er "ausgelegt und angezogen, aufgerollt" (392) habe. Santopadre erscheint hier nicht nur als Strippenzieher im Hintergrund, sondern auch als Mitglied der "Fraktion der Popologen" (391). So gewinnt das Geschehen einen metaphysischen Überbau, der auch darin zum Ausdruck kommt, dass sich der Kommissar in Steinskulptur von Papst Pius IX wiedererkennt, der die ganze Geschichte erzählt, die dann entsprechend auch in einen infiniten Regress ausmündet.

Franzobel: Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt. Roman. Wien: Paul Zsolnay Verlag, 2000.

Dienstag, 5. Mai 2026

Max Pulver: Himmelpfortgasse (1927)

In Wien gibt es die Strudlhofstiege, die 1951 in Heimito von Doderers Monumentalroman literarisiert wurde, woran heute noch eine in der Mitte bei der Treppengrotte angebrachte Tontafel mit dem Auftaktgedicht des Romans erinnert. In Wien gibt es auch eine Himmelpfortgasse, die schon 1927 in den Titel eines Romans des Graphologen Max Pulver einging. Daran erinnert jedoch keine Gedenktafel und das zu recht. Handelt es sich doch - trotz der forcierten Skandalität mit Sex, Drogen, Gewalt und Suizid - um einen ziemlich durchschnittlichen Roman, der den Mangel an Originalität mit triefendem Pathos kompensiert.

Die Geschichte ist so banal wie sie schon tausend Mal erzählt wurde: Ein Mann in der Midlife-Krise - "im Ehestand nicht unglücklich, das heisst leidlich resigniert" (11) - schlittert in eine aufregende Affäre mit einer knapp adoleszenten, sexuell aber schon erfahrenen Frau, riskiert den Ehebruch - und wird schliesslich selbst von seiner neuen Flamme fallengelassen, als sie sich mit einem jüngeren Mann verheiratet. Etwas modisches Flair verleiht der Geschichte, dass sie im Wiener Boheme-Milieu angesiedelt ist und die relativ detailliert ausgemalten Kokain-Ekstasen eine nicht gelinde Rolle spielen.

Erzählt wird aus der Perspektive von Alexander Moenboom, der diese Erlebnisse aus "Rache" an Mariquita, so heisst die junge Frau, in einer Art Bekenntnisbericht zu Papier bringen will: "Aber ich will die Wahrheit schreiben, Wahrheit ist die sublimste Rache, nur Dilettanten halten sich mit Verleumdungen schadlos." (9). Die Niederschrift fungiert dabei auch als Therapeutikum, das den Erzähler offenbar vor dem Suizid bewahrt hat, nachdem er in Gedanken schon "hundertmal Hand an sich gelegt" hat (97), um wieder "ins Leben zurück" (9) zu fliehen. So erklärt sich die merkwürdige Widmung an sein (früheres) Ich am Anfang des Romans: "Dem Andenken meines verstorbenen Freundes Alexander Moenboom." (6)

Moenboom lernt Mariquita zufällig kennen und steht sofort in ihrem Bann: "Elektrisches knistert um ihre Erscheinung" (19). Insbesondere ihr Mund, der "wie eine blutige Scharte", eine "tief klaffende Wunde" (13) herabhängt, zieht seine Aufmerksamkeit auf sich, da er instantan ahnt, dass es sich um einen gefallenen Engel handelt. Tatsächlich zeigt die junge Malerin in ihren Bildern, die "Ottakringer Plattenbrüder" (19) darstellen, eine Inklination zur Schattenwelt. Moenbaums Vermutung, sie sei bereits den "Tönen des Rattenfängers" (15) erlegen, sprich: einem Verführer in die Hände gefallen, bestätigt sich. Mariquita erzählt ihm die Geschichte ihrer Vergewaltigung (51) und nachfolgenden Abtreibung.

Doch ihr Schicksal macht sie in seinen Augen nur noch begehrenswerter. Moenboom zieht nach Wien, wo die beiden sich in ihrem Atelier an der Himmelpfortgasse zu sexuellen Ausschweifungen und gemeinsamen Kokain-Kosnum treffen. Die genitale Metaphorik, in der die Gasse beschrieben wird, ist dabei nur eine von etlichen sprachlichen Entgleisungen: "Die Tür zum Paradies muss eng sein. Wie eine Furche, wie eine Ritze" (73). Nun ja. Der Coup de foudre wird allerdings bald überschattet von Moenbooms Eifersucht in den promiskuitiven Künstlerkreisen und Mariquitas Kinderwunsch. Nach einem Besuch bei ihren Eltern entfremden sie sich rasch voneinander, bis Mariquita ihn schliesslich damit konfrontiert, dass sie einen anderen heiraten werde. 

Die gute Schweizer Literatur hat mit Himmelpfortgasse ihren wohl ersten und auch einzigen Milieu- und Kokainroman. Und damit einen Hauch von mondäner Décadence, der aber durch einen allzu penetranten expressionischen Stilwillen erstickt wird. Verglichen mit den späteren Erfahrungsberichten des Morphinisten Friedrich Glausers wirkt die Darstellung überfeinert und gekünstelt, mitunter sogar unfreiwillig selbstparodistisch, wenn etwa hinter fast jedes Wort ein Punkt gesetzt wird, um die Drastik unter Beweis zustellen: "Holland. Aus Rotterdam. Für Sie. Ihr Schwager." (67) Oder: "Holzverschalte Wände. Ein schütterer Eisenofen. Halbvoll auf dem Bord eine Sherryflasche. Diwan. Muffiger Kitsch. Ungelüftete Brunst." (87)

Auf Dauer ermüdet dieser elliptische, rhapsodische Duktus. Und es stellt sich die dumpfe Ahnung ein, dass auch dieser Text nichts viel mehr als 'muffiger Kitsch' ist: zu stereotyp und melodramatisch in der Darstellung, zu dick und grell aufgetragene Farben. - "O pastoses Gepinkel", würde Walter Serner sagen und dabei dem Roman kaum verzeihen, dass er ganz kurz auf "Dada" (141) anspielt.

Max Pulver: Himmelpfortgasse. Roman. Zürich: Buchclub Ex Libris, 1981.