Sonntag, 28. Juni 2026

Guido Morselli: Una dramma borghese (1978)

So etwas hat man noch nie gelesen: Bei diesem Roman handelt es sich um einen literarischen Präzedenzfall, denn wie der erzählende Protagonist einmal selbst bemerkt, gibt es für das, was er erlebt, bislang "keine Präzedenzfälle, nicht einmal literarische" (94). Dabei ist die Geschichte oberflächlich betrachtet, alles andere als spektakulär, spielen sich doch die 300 eng bedruckten Seiten vorwiegend in einem Tessiner Hotelzimmer ab. Dort aber entspannt sich ein beklemmendes psychologisches Kammerspiel zwischen Vater und Tochter, das schliesslich - es wird in einem offenen Schluss nur indirekt angedeutet - mit ihrem mutmasslichen Tod endet.

Dabei weist anfänglich, ausser vielleicht die Kriegsreminiszenz, mit der die Geschichte beginnt, nichts auf die dramatische Zuspitzung hin. Der namenlose Ich-Erzähler, ein knapp 50jähriger Auslandkorrespondent, holt seine Tochter Mimmina, nachdem er sie lange Zeit nie gesehen hat, aus dem Internat in Schwyz und zieht sich mit ihr in ein Hotel zurück. Beide sind kränklich: Ihn plagt ein (eingebildeter) Rheumatismus, sie fiebert unter der Nachwirkung einer rezenten Blinddarmoperation, deren "Narbe" - auch das ein schlechtes Omen - noch deutlich zu sehen ist. So verbringen sie die Tage in den direkt angrenzenden Zimmern in Abgeschiedenheit und "Monotonie" (12/13).

Obwohl der Erzähler sich vornimmt, endlich die "Rolle eines Vaters" (42) einzunehmen bzw. erst einzuüben, die er lange vernachlässigt hat, wird die Stimmung rasch erdrückend, da die Zuneigung und "ungewöhnliche Anhänglichkeit" (98) der Tochter überhand nimmt. Ihre "besitzergreifenden Tendenzen von einer zärtlichen Ausschliesslichkeit" (29) werden ihm lästig, er fühlt sich zusehends wie ein Gefangener im "Alptraum dieser beiden Zimmer" (193). Dennoch erlaubt er der adoleszenten Tochter, die gerade ihre Menstruation bekommt und eigene Sexualität beim Masturbieren entdeckt, bei ihm im Bett zu schlafen, wobei er den Inzest-Gedanken weit von sich weist.

Obschon der Vater ihr die kindliche Schwärmerei ("engoument", 151) austreiben will, hält sie an der fixen Idee fest, ihr Leben künftig an väterlicher Seite zu verbringen. Sein unentschlossener und antriebsschwacher Charakter auf der einen, die erdrückende Tochterliebe auf der anderen Seite, bilden eine denkbar ungünstige Konstellation in dieser "paradoxe[n] Komödie" (41). Diese kippt spätestens dann ins Tragische, als Mimmimas frühreife Freundin Teresa aus dem Internat auftaucht und mit dem Vater eine Affäre eingeht. Was dieser als Befreiungsschlag empfindet, leitet jedoch nur das "Trauma der Trennung" (275) ein, auf das die Tochter - die anders als ihr Vater an den Suizid der Mutter glaubt - ihrerseits mit einem Selbstmordversuch reagiert.

Morselli, dessen Manuskripte zu Lebzeiten allesamt abgelehnt wurden und den man erst postum als literarische Begabung entdeckte, ist ein Schriftsteller auf der Höhe eines Robert Musil. Ein brillanter Analytiker und Anatom seelischer Regungen, die mit einem solchen Scharfsinn seziert werden, dass durch die Genauigkeit wieder in Unschärfe kippt, gerade wo sie diffuse sexuelle Gefühle betreffen. So bleibt trotz der peniblen Selbstbeobachtung doch vieles in der Schwebe, was auch an der Erzählkonstruktion liegt, dass sich der Protagonist, der eine "Antipathie" (77) gegenüber Freud'schen Theorien bekundet, seine blinden Flecken nicht erkennen kann oder will. Nicht von ungefähr irrt er am Schluss symbolisch wie ein Blinder umher: "Gleichsam das Inbild meines In-der-Welt-Seins" (294).

Dabei verkörpert gerade seine Tochter das sowohl Unbekannte als auch Unbewusste, das der allzu verstandsmässige Vater ignorieren will: "Nein, ich mache mir keine Gedanken wegen des gern zitierten Unbewussten. Ich habe nie daran geglaubt." (153) Gleich zu Beginn nimmt er die Stimme seiner Tochter jedoch als "Spaltung meines unklaren, fiebrigen Bewusstseins" (10) wahr und lernt nicht nur sie - "dass ich über meine Tochter nur eine Gewissheit habe, die, nichts über sie zu wissen" (57) -, sondern auch sich selbst kennen. Daraus entwickelt sich ein subtiles Psychodrama aus verdrängten Schuldgefühlen und verborgenen Wünschen - und von "schicksalshaft" (298) mythologischen Ausmassen. 

Dass die Erzählung trotz des delikaten Themas nie an Peinlichkeiten grenzt, beweist das filigrane literarische Geschick des Autors. Dennoch oder gerade deswegen bleibt es ein verstörendes Buch.

Guido Morselli: Liebe einer Tochter. Aus dem Italienischen von Arianna Giachi. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1988.

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