Der diesjährige Hugo-Ball-Preis geht an die österreichische Schriftstellerin Ilse Kilic. Das Lesefrüchtchen muss gestehen, dass es ihm nicht anders als bei den meisten Literaturnobelpreisverkündigungen geht und es zuvor noch nie etwas von dieser Autorin gehört hat. Das spricht für mutige Juryentscheide, die durch ihre unerwartete Preisvergaben die Aufmerksamkeit auf Literaturen richten, die man ansonsten übersieht. Im Falle von Ilse Kilic hat es sich jedenfalls gelohnt. Die 1958 in Wien geborene Autorin blickt mittlerweile auf ein beachtliches, im weitesten Sinn experimentelles Oeuvre zurück, das neben literarischen Werken auch Filme, Theaterarbeiten und Hörspiele umfasst. Zusammen mit ihrem Lebenspartner Fritz Widhalm schreibt sie seit 1999 ausserdem an einem "Verwicklungsroman", einer Fortsetzungsgeschichte, die bislang 13 Folgen umfasst.
Ilic steht zweifellos in einer Avantgarde-Tradition, wenn diese an sich widersprüchliche Bezeichnung erlaubt ist. Dadaistischer Nonsens findet sich bei ihr ebenso wie oulipistische Experimente wie bspw. die Lipogramme Oskars Moral (1996) und Monikas Chaosprotokoll (2003), zwei je ungefähr 100seitigen Texte, die gänzlich ohne die Vokale e und u auskommen. Kilic ist jedoch nicht nur als Verfasserin, sondern auch als Förderin experimenteller Literatur tätig. Ebenfalls gemeinsam mit Fritz Widhalm gründete sie 1986 die Edition Das fröhliche Wohnzimmer. Auf der Webseite heisst es: "listig programmatisch chaotisch geordnet experimente/basteleien/formen/strukturen". Ausserdem gibt sie die Zeitschrift Wohnzimmer heraus, die dezidiert gegen den Mainstream ausgerichtet ist und den Self-Publishing-Gedanken der Dadaisten mit ihren DIY-Zeitschriften beerbt. Die Würdigung durch den Hugo-Ball-Preis ist also mehr als nur verdient und scheint auch gerechtfertigt.
Doch wo soll man mit der Lektüre einsteigen? Das Lesefrüchten entschied sich zunächst für Das sich selbst lesende Buch (2016), das sich dann aber, wie im Titel angekündigt, selbst las, und das Lesefrüchtchen deshalb nach einem anderen Buch Ausschau halten musste und dabei auf eine aktuelle Publikation mit der witzig verfremdeten Redewendung Das Schlaue vom Himmel stiess. Der Untertitel lautet: "Eine Versuchsanordnung", womit bereits auf den experimentellen Charakter verwiesen wird. Das gilt sowohl auf formaler als auch auf inhaltlicher Ebene: Im Zentrum (falls man bei diesem Textkonglomerat überhaupt von einem Zentrum sprechen kann) steht der Versuch von Mimi La Whipp und Mein Spatz, nach der Weltformel zu forschen, um eine "Maschine zur Verbesserung der Welt" zu entwerfen. Doch als sie sich zur Begrüssung die Hände reichen, geschieht das Unerwartete: sie bleiben aneinander kleben, was im Text einen mehrseitigen, pseudo-wissenschaftlichen Exkurs über Klebsiella- und Klebseria-Bakterien sowie über die Möglichkeiten eines horizontalen Gentransfers auslöst.
Hier zeigt sich der formal experimentelle Ansatz des Romans, bei dem die Handlung lediglich der "literarischen Beraterin Suzie Traktor" zuliebe aufgepfropft ist, die sich relativ am Anfang des Textes dafür einsetzt, dass sich der Plot gut entwickelt, was natürlich nur bedingt der Fall ist. Stattdessen reflektiert der alternierend in Kapitel und Intermezzi unterteilte Text sich und seine Machart permanent selbst und bedient bzw. überbietet dabei alle möglichen Formen des Metaromans. So beginnt das Buch gleich mit zwei Vorworten, in denen die Autorin das Schreiben des Buches selbst zum Thema macht und auch zugibt, dass sie selbst keine Ahnung hat, wohin die Reise führt. Der erste Satz lautet: "Als ich mit diesem Text begann, wusste ich noch nicht viel darüber, was aus ihm werden sollte." (7) Sie schreibt quasi ins Blaue oder mehr noch ins "Schlaue" hinaus. Tatsächlich haben wir es mit einer äusserst belesenen Autorin zu tun, die sich bis in die Popkultur und entlegensten Spartenpublikationen gut auskennt.
Das belegen nicht nur zahlreiche Fussnoten, sondern auch das Namensregister am Schluss des Textes, das den ausgesuchten Kulturhorizont der Autorin demonstriert, handelt es sich doch um einen äusserst bemerkenswerten Kanon, der Personen wie Kathy Acker, Etel Adnan, Carla Bozulich, Italo Calvino, Marianne Fritz, Urusla Le Guin, Donna Haraway, Wilhelm Hauff, Hugh und sein Sohn Oliver Everett, Wjatscheslaw Iwanow, Alexander Kluge, Kropotkin, Lautréamont, Christian Morgenstern, Toni Morrison, Robert Musil, Flann O'Brien, Iggy Pop, Raymond Queneau und Raymond Roussel, The Residents, Patti Smith, Liv Strömquist, Kurt Vonnegut, Oswald Wiener u.v.m. umfasst (darunter viele Kolleg:innen, die sie in ihrer Edition verlegt). Die Vorliebe der Avantgarde für solches Namedropping ist bekannt. Und bei einer Autorin, die im "Intermezzo 1" (20) ausführlich über die Magie von Listen reflektiert - auch da geht es nicht ohne Zitierung: "Listen wirken wie Zaubersprüche" (Wayne Koestenbaum) -, ist ein solches Register am Ende eine dezidierte Setzung.
Natürlich handelt es sich auch um ein ironisches Spiel mit wissenschaftlichen Versatzstücken, um den Charakter der "Versuchsanordnung" zu unterstreichen. Das klingt nun alles etwas anstrengend, in Tat und Wahrheit kommt es aber frisch und unverkrampft und - trotz der vielen Diskurse und (Pseudo-)Theorien - relativ unverkopft daher: wie das Spiel eines überbegabten Kindes, das sich über alle Regeln souverän hinwegsetzt und einem unbekümmerten anything goes frönt. Das Buch wirkt daher wie ein durch den postmodernen Fleischwolf gedrehter Dadaismus. Neben der fortlaufenden Reflexion über die Möglichkeitsbedingen der Literatur, etwa indem sich das Romanpersonal in den Erzählvorgang einmischt, gibt es Wortspiele wie "Ächzistenz" (82), "Zukunft, Zugluft und Zuflucht" (51) oder, um bei den Listen zu bleiben: "IdeaListen", "ExistenziaListen" und "KapitaListen" (22). Es gibt Anagramme und Palindrome (Unart/Natur, 69; Traum/Armut, 120) und es gibt höheren Blödsinn wie die Figur der Mira, welche die Risse im Handlungsablauf wieder zunähen muss (128).
Auf der Handlungsebene wiederum gibt es den "Bold Hearts Club" mit "unerschöpflichem Biervorrat" (110) oder die "melancholischen Wolken" (eine Art Resignationsaura), die immer dann entstehen, wenn man etwas verliert oder aufgeben muss: "In Melancholischen Wolken verstecken sich Fragmente und Rückstände von Verlusterfahrungen" (96). Nachdem die Autorin in Kapitel 16 aufzählt, was "in diesem Text bisher nicht berücksichtigt" werden konnte und danach dreizehn verschiedene "Schlussvariationen" (133) präsentiert, also darauf hinweist, dass stets unerzählte Reste übrigbleiben, ist es nur konsequent, wenn der Text mit einer melancholischen Wolke schliesst, in der schlicht "usw." steht, was eine Fussnote überflüssiger Weise als "Und so weiter" (143) auflöst. Was nichts anderes besagt als: Das Ende des Buchs markiert nicht das Ende des Textes, der andernorts weitergeschrieben wird.
Ilse Kilic: Das Schlaue vom Himmel. Eine Versuchsanordnung. Klagenfurt, Graz und Wien: Ritter Verlag, 2023.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen