Die Jugend kennt ihre eigene Hybris: Wohl jeder Teenager und jede Teenagerin fühlt sich im Verlauf ihrer Adoleszenz moralisch und geistig der Durchschnittsgesellschaft überlegen und sieht sich als verkannte Ausnahmeerscheinung. Doch niemand hat dieses präpotente, pubertäre Lebensgefühl so schonungslos und stilistisch furios zu Papier gebracht wie die 19jährige Mary MacLane, die um die Jahrhundertwende im amerikanischen Bergbauerstädtchen Butte in Montana, umgeben von grenzenloser Ödnis, Trübsal bliess und eines Tages, am 13. Januar 1901, zum Tagebuch griff, um der Welt ein erschütterndes "Dokument von drei Monaten Nichts" (175) zu hinterlassen.
Entstanden ist dadurch ein fulminantes Zeugnis der Einsamkeit und des Ennui, von Verzweiflung und Nihilismus, das aufgrund seiner rhetorischen Verve jedoch nie melancholisch überwölkt wirkt, sondern im Gegenteil von einem geradezu hypertrophen Selbstbewusstsein, zuweilen sogar Selbstironie, zeugt. Eine Form der literarischen Anmassung, wie man sie zur selben Zeit vielleicht nur bei Friedrich Nietzsche findet: "Das Ego ist alles." (116) Kein Wunder versteht sich auch MacLane als "Philosophin" (37) und mehr noch als "Genie" (9 und passim), die wie der Erfinder des Übermenschen in aussermoralischen Kategorien jenseits von Gut und Böse denkt.
Daher die Glorifizierung des Teufels, dessen Ankunft sich die junge Diaristin sehnsüchtig herbeiwünscht. In ihn setzt sie, in einer Art verkehrtem Chiliasmus, alle ihre Sehnsucht. Von seiner verlockenden Weltläufigkeit und Eleganz erwartet sie die Befreiung aus ihrem öden Dasein, das ihr nur "fad, FAD, FAD!" (172) erscheint. Der Teufel - oder auch "Mann-Teufel", denn sie beabsichtigt ihn zu heiraten - avanciert in ihren Augen zur einem Hoffnungsträger. Wäre der Titel nicht schon besetzt, so könnte man von Litaneien des Satans sprechen, tatsächlich fällt der Ausdruck der "Litanei" (117) im Tagebuch, als die Schreiberin einmal mehr um Rettung fleht: "gütiger Teufel, erlöse mich - von mir selbst".
Solch pathosbeladenes, schwarzromantisches Selbstmitleid auf der einen, eine solche übertriebene, ja hemmungslose Selbstdarstellung auf der anderen Seite, die sich erst recht noch für ihren "Egoismus" und ihre "Eitelkeit" rühmt (41), wäre schwer erträglich, wenn in der Übertreibung nicht immer auch ein Quäntchen Koketterie mitschwingen würde, die durchblicken lässt, dass die Autorin ihre Rolle sehr wohl kennt und sie auch gekonnt zu inszenieren weiss: "Ich bin eine schockierende Bohémienne." (39) Zudem wird der rhetorische Überbietungsgestus zuweilen angenehm durch eine wunderbar feine Beobachtungsgabe kontrastiert, wenn etwa MacLane die Kunst, eine Olive zu essen (51), beschreibt oder der Duft von Minze und Weissdorn (35).
Zwei Passagen gehören mit zu den grandiosesten des ganzen Buchs, die auch die literarische, in diesen beiden Fällen fast schon lyrische Qualität dieser Prosa deutlich zu Tage treten lässt: Zum einen die bereits angesprochene "Litanei" des Satans, in der sie den Teufel von allem Menschlichen Allzumenschlichen um Erlösung bittet (107 ff.), zum anderen, noch grossartiger, eine zweite Litanei, in der alle Unbill der Welt auf sich nimmt, wenn ihr bloss ihr "blutiges Porterhouse-Steak aus Omaha und ein paar frische grüne Frühlingszwiebeln aus Kalifornien" (39) garantiert sind. Wie hier die Exzentrik repetitiv gegen das profane Leben beschworen wird, ist von mitreissender Intensität und entbehrt überdies nicht einem gewissen Witz.
Wer würde nicht sofort alle Welt für ein Porterhouse-Steak mit Frühlingszwiebeln hergeben?
Mary MacLane: Ich erwarte die Ankunft des Teufels. Aus dem Amerikanischen übersetzt und mit einem Nachwort von Ann Cotten. Stuttgart: Reclam, 2020.