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Samstag, 31. Oktober 2026

Matthew Gregory Lewis: Der Mönch (1796)

Zu Halloween die Mutter aller Schund- und Schauerromane. Was es an reisserischen Motiven geben mag, nichts wird hier ausgelassen, vielmehr in grellen Farben vor das lesende Auge geführt: verbotene Liebe, Intrigen, Verführung, Schändung, Vergewaltigung, mörderische Räuberbanden, Spukerscheinungen, schwarze Magie, geheime Machenschaften, düstere Katakomben, despotische Nonnen, drakonische Strafen, Folter und schliesslich Muttermord und Inzest. Am Ende siegt Satan, der sich dämonisch über alles erhebt. Und im Zentrum aller Gräuel steht der lasterhafte Mönch Ambrosius, dem das Buch seinen Titel verdankt. Es verwundert nicht, wenn die damalige Leserschaft geschockt war und das Buch heftige Proteste auslöste.

Lewis schrieb den Roman mit knapp 20 Jahren - und vermutlich braucht es den jugendlichen Furor, um ein dermassen überbordendes Horrorpotpourri mit allen erdenklichen Abgründen an die Wand zu malen. Die verhängnisvolle Geschichte bahnt sich von zwei Seiten an: von der Liebesgeschichte zwischen Don Lorenzo und Antonia sowie der Liebesgeschichte zwischen Raymond und Agnes, der Schwester Lorenzos. Die unerbittliche Tragik will es, dass am Ende beide Frauen sterben müssen. Die Fäden laufen im Dom zu Madrid zusammen. Während der wie ein Popkonzert besuchten Messe des Pater Ambrosius, der weitum als Ausbund der Frömmigkeit gilt, weil er noch nie Klosterpforten verlassen und sich eine Verfehlung schuldig gemacht hat, lernt Lorenzo nicht nur Antonia kennen, sondern entdeckt auch, dass sein Freund Raymond offenbar eine Affäre mit seiner Schwester Agnes unterhält, die schwanger und unfreiwillig als Novizin im Kloster lebt, aus dem er ihr zur Flucht verhelfen will. 

Doch der Fluchtplan wird vom Mönch Ambrosius entdeckt. Agnes bettelt um Gnade, doch vergeblich, sie wird der gefühlskalten Äbtissin ausgeliefert. Als sie abgeführt wird, schickt sie dem Mönch folgende Verwünschung hinterher: "In meinen Augen seid Ihr bloss ein Feigling, so der Verführung nie die Stirn geboten, nein, stets vor ihr die Flucht ergriffen hat! Doch wird Euch die Lockung überkommen: dann werdet Ihr der Leidenschaft erliegen!" (61) Diese Prophezeiung erfüllt sich rascher als gedacht und zwar in Gestalt von Matilda, einer Nekromantin, die sich dem Teufel verschrieben und verkleidet als Gärtnerbursche ins Kloster geschlichen hat. Ihrer Macht verfällt der Mönch augenblicklich und gibt sich ihr in seiner Zelle körperlich hin, in einer - gemessen an der Zeit um 1800 - ziemlich anstössigen Sex-Szene: "Nicht länger von der Scham zurückgehalten, gab er nun seinen masslosen Gelüsten freien Lauf. Seine schöne Buhlin liess alle Künste der Verführung spielen und zwar darauf bedacht, ihm aufs erfindungsreichste den Kelch der Liebeswonnen zu kredenzen" (281 f.).

Die Fleischeslust erst einmal geweckt, schreckt "unser geiler Mönch" (282) auch vor weiteren Sünden nicht zurück. Seine Begierde richtet sich auf Antonia, die eigentlich Lorenzo versprochen ist. Ihre kranke Mutter nimmt er zum Vorwand, um sich zum ersten Mal aus dem Kloster zu begeben und sein Objekt der Begierde im trauten Heim aufzusuchen. Die häufigen Besuche wecken das Misstrauen der Mutter, die von Ambrosius skrupellos aus dem Weg geräumt wird. Auch da spart die Erzählung nicht mit Drastik: "Noch immer kniete ja der Mönch auf ihrer Brust und beobachtete mitleidlos das konvulsivische Zucken des unter ihm sich windenden Körpers." (377) Doch damit nicht genug: Matilda verschafft Ambrosius ein satanisches Schlafmittel, damit er die ahnungslose Antonia im Schlaf schänden kann. Was er nicht weiss, der aufmerksam Lesende aber schon früh ahnt (17, 22), ist, dass Antonia seine Schwester und ihre Mutter auch die seinige ist. Ihm selbst offenbart es erst Satan persönlich, bevor er ihn endgültig in den Abgrund stürzt.

Der Roman schliesst, nach dem alle Frauenfiguren gestorben und für Ambrosius jegliche Hoffnung vernichtet ist, ohne Happy End. Er endet damit, wie der "Kadaver, der einst ein Mönch gewesen", vom Fluss fortgeschwemmt wird. Wie rasch dieser Ausbund der Tugend zum "geilen, zügellosen Mönch" (329) wird, entbehrt nicht der Komik. Nicht einmal Luzifer konnte so rasch fallen. Dennoch bietet der Roman wenig Grund zur Heiterkeit, sondern arbeitet sich drastisch zum Finale vor. Ein Showdown in den Katakomben des Klosters mit geheimen Gängen, verborgenen Mechaniken und beweglichen Statuen, wie man es aus Filmen von Indiana Jones kennt. Dazu kommt ein morbider Hauch von Schweigen der Lämmer, wenn Agnes monatelang in der Gruft festgehalten wird und sich als letzte Hoffnung an ihr totgeborenes Baby klammert. Die Schilderung, wie sich Agnes nicht vom langsam verrottenden Leichnam trennen kann, selbst als die "langen Leichenwürmer" aus dem "verfaulenden Fleisch" des Kindleins sich um ihre Finger winden (513), übersteigt die Grenzen des guten Geschmacks. 

Literaturhistorisch bedeutsam ist der Roman, weil er u.a. Mary Shelley - als Lewis sie in der Villa Diodati am Genfersee besuchte - zu Frankenstein inspirierte. Literarische Weihen erhielt der Roman überdies durch dessen lobensvolle Erwähnung im Ersten Manifest des Surrealismus (1924) von André Breton, der ihn als "grossartiges Beispiel" für das "Wunderbare" in der Literatur preist. Vermutlich angeregt durch diese Eloge wird der Mitsurrealist Antonin Artaud den Roman 1931 in Form einer freien Nacherzählung ins Französische übertragen. Auch er erkennt im Mönch jenseits seiner Trivialität das "Wunderbare", wobei er ganz im Sinne des Surrealismus darauf hinweist, dass die Grenze zur Realität in dieser "halluzinatorischen" Poesie verwischt wird: "Bemerkenswert ist jene Gleichgültigkeit gegenüber dem Wirklichen, dem Alltäglichen, dem Gewöhnlichen, welche Lewis auf seinen Seiten bekundet, die ständig vom Hauch des Unwirklichen durchzogen werden."