Der Roman spielt in einer nahen Zukunft (die heute zum Teil
bereits eingeholt ist) und folgt dem Schema eines Mystery-Thrillers à la Akte
X. Agent Mulder hätte jedenfalls Freude an dem Buch. Seltsame Vorgänge,
angekündigt durch seltsame Vorzeichen, ereignen sich, für die es keine
rationale Erklärung gibt, von denen aber auch nicht klar ist, ob es sich nur um
Hirngespinste handelt – oder bloss um Ausflüchte einer Kleinkriminellen, die
sich «um Kopf und Kragen» redet (63). Das Urteil bleibt den Lesenden
überlassen, eine leitende auktoriale Stimme fehlt. Präsentiert werden lediglich
die Akten einer Vernehmlassung, ein Tagebuch sowie eine Liste von
teleportierten Gebäuden und Gegenständen. Diese Dokumente stöbert eine
Forschergruppe im Jahr 2098 auf in der Hoffnung, dass sie ihnen Aufschluss über
die «Anfänge» der «heutigen Realität» (5) liefern könnte. Welche Realität das
genau ist, bleibt ungesagt. Allzu dystopisch dürfte sie nicht ausfallen, zumal
die Forschergruppe am Ende fröhlich dazu auffordert, zur Feier ihrer gut
dotierten Projektverlängerung «Getränke und «etwas zu knabbern» mitzubringen
(275).
Der an diversen Schauplätzen in Zürich situierte Roman rekonstruiert die Ereignisse einer «besonderen Nacht», in der «seltsame Kräfte wirkten und die Menschen und Dinge in ungewohnte Bahnen zogen» (79). Der Hauptteil besteht aus dem Verhörprotokoll. Während Kommissar Felix Lombardo versucht, der beschuldigten Person Vera Savakis ein Geständnis zu entlocken, um sie des Diebstahls, der Körperverletzung, des Vandalismus und des Drogenhandels zu bezichtigen, will Vera umgekehrt den Ermittler davon überzeugen, dass alles - von Kränen, die «besondere Konstellationen» (160) aufweisen, bis hin zu einer zu einer Epiphanie von «Tina Turner» (157) - auf aussergewöhnliche Ereignisse, sogar eine ausserirdische Kontaktnahme hindeutet, die Vera mit ihrer Kollegin Peli eignes forcieren, wenn sie «Zeichen ins All» senden, damit die «Zukunft landen kann» (129) und sich eine raumzeitliche Pforte, die ominöse Tür mit der Aufschrift «P11», öffnen wird (171). Tatsächlich verschwindet die Angeklagte nach einem Stromunterbruch spurlos aus dem Verhörzimmer.
Wie anschliessend aus dem Tagebuch von Shiva Hirz zu erfahren ist, wird Kommissar Lombardo vom Dienst suspendiert, weil er sich von der Paranoia anstecken liess, plötzlich an die paranormalen Phänomene glaubt und überall verborgene «Muster» und «Zeichen» erkennen will. Wie es an einer Schlüsselstelle des Romans heisst: «Im Nachhinein ergibt alles Sinn.» - «Weil wir ihn stiften!» (53) Vor allem erwartet er, zusammen mit dem Vater von Shiva, ein «drittes Zeichen» (214), das sich aufgrund der Stellung der Kräne aller Wahrscheinlichkeit auf der «Offenen Rennbahn von Oerlikon» (249) ereignen soll. Wie die Tagebuchschreiberin sich dann selbst eingestehen muss, geschehen in der Folge merkwürdige Dinge: Gebäude und Gegenstände verschwinden aus Zürich und tauchen an anderen Orten wieder auf, so z.B. der Hauptbahnhof im Indischen Ozean (268). Der verborgene Humor dieser – durch die Kräne bewirkten? – Teleportationen, die am Schluss akribisch aufgelistet sind, wird sich vielleicht einst (im Jahr 2098?) einer Germanistik-Studentin erschliessen, die diese geographischen Neukonfigurationen und ihre lokalen Implikationen genauer unter die Lupe nimmt.
Die «wilden Manöver» erweisen sich dadurch als Produkt eines «wilden Denkens» im Sinne des Ethnologen Lévi-Strauss, das unvorhergesehene Zusammenhänge stiftet. Der Roman setzt voll und ganz auf den originellen Plot, der formal mit der anfänglichen Rätseltechnik, Vor- und Zurückblenden auch raffiniert aufgebaut ist, so dass sich sukzessive ein grösseres, wenngleich kaum klareres Gesamtbild ergibt, denn die Geschichte weigert sich hartnäckig in einer plausiblen Lösung aufzugehen. Wie bei Akte X bleibt ein Rest bzw. ein Reiz des Ungewissen durch die paranoide Grundstruktur erhalten. An dieser verzwickten Hyper-Konstruktion verkümmert jedoch die Sprache, die sich allzu stark in den Dienst einer reibungslosen Lektüre stellt und daher auch allerlei Gemeinplätze und Füllformen nicht scheut, die man zwar alle dem schnippischen Tonfall von Vera Savakis anlasten könnte. Doch Sätze im verunglückten Schulaufsatzstil wie «Wir assen die ayurvedischen Gerichte mit grossem Genuss» (177) sind dann einfach doch zu banal und eigentlich verzichtbar.
Judith Keller: Wilde Manöver. Roman. München: Luchterhand
Literaturverlag, 2023.
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