Trotz dieser Gegenwartsbezüge handelt es sich weder um einen realistischen noch um einen Schlüsselroman. Wie die Autorin es liebte, in der Lebenswirklichkeit in verschiedene Rollen zu schlüpfen, um nicht nur die Grenzen zwischen den Geschlechtern, sondern auch zwischen Realität und Fiktion zu verwischen, so tut sie es erst richtig in der Literatur. Die künstliche Identität, die sich Else Lasker-Schüler als Alter Ego zulegte, die Figur des Prinzen Jussuf, ist auch der schreibende Protagonist des Romans. Unter diesem Pseudonym wechselte sie Briefe mit dem Künstlerfreund Franz Marc, die sie in überarbeiteter Form in den Romananfang einfliessen liess. Eine gleich doppelte Transgression von Lebenswelt und Fiktion: Während Lasker-Schüler als Jussuf die Wirklichkeit zunächst fiktional überformt, rücküberführt sie diese Kunstfigur als Realitätspartikel wiederum in die literarischen Fiktion.
Der Roman beginnt mit Briefen, die Jussuf Abigail an seinen (verstorbenen) Freund, den blauen Reiter Franz Marc, richtet. Es sind Briefe voller Melancholie und Traurigkeit: "o ich bin lebensmüde" (7), heisst es gleich zu Beginn; und die "Spelunke", in der Jussuf haust, erscheint ihm als "langer, banger Sarg" (7). Wie sich hier eine verlorene Dichterexistenz zwar im Klageton, doch mit Chuzpe zu Wort meldet, besitzt ansatzweise Parallelen zu Ehrensteins Erzählung "Tubutsch" (23), die sogar einmal im Text erwähnt wird. Die "Dichterin" (10), ist dabei ihren "Nachlass zu ordnen" (8), zugleich entwirft sie (für Karl Kraus) den Plan zu einer Zeitschrift mit dem Titel "Die wilden Juden" (14). Diese Idee vermengt sich wiederum mit dem Traum, dass sie der "Malik", der König von Theben, sei. Beziehungsweise wächst der Traum in eine imaginierte Wirklichkeit hinüber, die sich im zweiten Teil des Romans als neue Realität etabliert.
Was dann nach der "Krönungsrede" (41) des Malik ungefähr in der Mitte des schmalen Buchs folgt, ist keine leichte Kost. Zum einen aufgrund des alttestamentarischen Settings mit zahlreichen Schlachten, zum anderen aufgrund der geschilderten Drastik und Gewaltverherrlichung: Ossman, der Diener des Malik, ist ein Menschenfresser und liebt es, Verräter "bei lebendigem Leibe in den Küchenräumen braten" (74) zu lassen. Der Malik selber ist ein meisterhafter Bumerangwerfer: mit dieser "Urwaffe" säbelt er gleich reihenweise Köpfe ab: "Oft flog der besiegte abgerissene Rumpf geschnellt vom stumpfgebogenen Holzmond durch die Lüfte vor Abigails Füsse." (57) Der Roman endet nicht weniger blutrünstig: Nachdem Ruben, "des Maliks treuer Halbbruder" (92), im Kampf gefallen war, verdüstert sich das Gemüt des Malik, so dass er schliesslich seine Häuptlinge erdolcht und sich danach selber richtet.
Im Hintergrund dringt da unverkennbar der "Weltkrieg" (64) durch, der explizit Erwähnung findet wie auch der "Kaiser Wilhelm" (65). Doch diese Referenzen auf die realen zeithistorischen Schrecken allein erklärt die Grausamkeit des Textes nicht. Es ist eine zutiefst archaische Erzählwelt, die sich da Else Lasker-Schüler imaginiert, jenseits von Ethik und Moral. Stattdessen dominieren bei den "wilden Juden" die grossen heroischen Werte wie Edelmut, Tapferkeit, Ehrfurcht und Treue. Es ist so ziemlich die Kehrseite der Autorin, worauf am Schluss auch eine Passage anspielt, wo sich die Relation umkehrt und Jussuf sich vorstellt, "er wäre eine abendländische Dichterin in einem kleinen Kämmerlein" (99). Damit schliesst die Erzählung am Ende wieder an den Anfang an, wo man die Dichterin in ihrer "Spelunke" (7) sitzen sah, wie sie sich tragträumend in die orientalische Welt von Theben flüchtete. So sind beide Erzählstränge wie ein Möbiusband miteinander verschlungen.
Else Lasker-Schüler: Der Malik. Eine Kaisergeschichte. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1986.
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