Der ungarische Schriftsteller erhielt heuer den Nobelpreis für Literatur von der Schwedischen Akademie verliehen. Seit den 1990er Jahren ist sein Werk in deutscher Übersetzung erhältlich, zunächst im Ammann Verlag, dessen Verleger Egon Ammann stets einen untrüglichen Riecher für preisverdächtige Literatur hatte, danach beim S. Fischer Verlag, der die Backlist des 2009 aufgelösten Ammann Verlags übernahm.
Satanstango ist sein Erstlingsroman und noch heute von visionärer Kraft, gerade weil Vieles im Dunkeln und Ungesagten, mithin im Rätselhaften, bleibt, was der Geschichte eine parabelhafte Dimension verleiht. Auch gleitet die realistische Erzählung punktuell unbemerkt ins Phantastische bzw. Transzendente und hebt somit die Geschehnisse auf eine sinnbildliche Stufe. Nicht von ungefähr steht dem Roman ein Motto aus Das Schloss von Franz Kafka voran, dem Ahnherrn allegorischer Prosa.
Im Zentrum des Romans steht eine heruntergekommene Siedlung. Einige Bewohnter wollen fortziehen, andere warten auf die Wiederkunft Irimiás, einer Art messianischen Figur mit markanter Sperbernase und roter Krawatte als Markenzeichen, der dann tatsächlich mit seinem segelohrigen Kumpan Petrina wieder auftaucht und der Bevölkerung einen Neustart verspricht. Euphorisch und überstürzt zerschlagen die Leute ihr altes Hab und Gut, bevor sie ins neue Almássy-Gehöft ziehen. Dort aber lange vergeblich auf Irimiás warten.
Irimiás ist eine dämonische Figur: eine Mischung aus Demagoge und Missionar, Verräter und Messias in einem, allerdings einer, der nicht das Heil, sondern die Apokalypse über die Dorfgemeinschaft bringt. Als die Stimmung kippt, wird er von ihr mehrfach als Teufel apostrophiert - und tatsächlich entspricht seine Physiognomie mit der krummen Nase und die feuerrote Krawatte einer modernen, moderaten Ikonographie des Teufels. Und dann sind die auch die Spinnen in seiner Gegenwart.
Diese Spinnen lauern zum einen in den Ecken und Winkeln der Dorfkneipe und sind dort nicht zu vertreiben. Andererseits stehen sie symbolisch für das "landesweite Spinnennetz des Irimiás" (244), der sich am Ende als Polizeispitzel entpuppt. Ein Glanzstück in Behördensatire bildet das zweitletzte Kapitel, wo zwei Beamte Iriniás relativ salopp verfassten Bericht diplomatisch umschreiben müssen und immer fahrlässiger damit umgehen, um vor Dienstschluss fertig zu werden.
Dieses Kapitel tanzt in der Tonlage auch aus der Reihe des restlichen, multiperspektivisch konzipierten Romans. Bemerkenswert ist der Formwille der konsequent absatzlosen Prosa, die sich wenige experimentelle Lizenzen erlaubt. Zum Beispiel als alle Hoffnung zerfällt, sich zugleich auch die Syntax auflöst und der Text in ungegliederte Fragmente zerbröselt. Oder der Aufbau der Kapitelfolge: Die Nummerierung im zweiten Teil verhält sich rückläufig zum ersten, womit architektonisch bereits signalisiert wird, was das letzte (also wiederum erste) Kapitel besagt: "Der Kreis schliesst sich".
Tatsächlich sind der Beginn und der Schluss des Romans textidentisch - und zugleich ein hervorragendes Beispiel für die atmosphärische und symbolische Dichte der Erzählung. Als Poeta in fabula erweist sich der schnapsende Doktor, der als heimlicher Chronist die Geschehnisse im Dorf in einzelne Heft aufzeichnet. Auch er eine Art Spitzel, allerdings ein höchst unzuverlässiger, da er in seinem Delirium glaubt, über "magische Kräfte" (309) zu verfügen und sich alles so ereigne, wie er es gerade notiert. So entpuppt sich am Ende, was man gelesen hat, als Halluzinationen des Dorfdoktors - oder doch nicht?
Der Kreis, den die Erzählung somit schliesst, beschreibt auch einen hermeneutischen Zirkel, aus dem es, wie man es auch dreht und wendet, kein Entkommen gibt. Ein existentialistisches Sinnbild für die Ausweglosigkeit der Leute. Mehr noch handelt es sich im Sinne Douglas Hofstadters um einen "strange loop", bei dem eine Ebene unentwirrbare in die andere überläuft. Alles gravitiert dabei um die Mitte des Buchs, dem titelgebenden Satanstango. In Erwartung der Ankunft Irimiás verfallen die Siedler in eine kollektive Ekstase und tanzen in der Dorfkneipe schweissgebadet und schwerbetrunken einen Tango nach dem anderen.
László Krasznahorkai: Satanstango. Roman. Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch, 2010.
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